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Interview Eldbjørg Hemsing

„Bach steht am Anfang von so vielem“

Geigerin Eldbjørg Hemsing erzählt im Interview von ihrer jüngsten Auseinandersetzung mit der Musik Johann Sebastian Bachs.

vonJan-Hendrik Maier,

Auf „Colours of Bach“ sucht die norwegische Geigerin Eldbjørg Hemsing mit modernen Arrangements nach neuen Klängen und Schattierungen in der Musik des barocken Altmeisters. Was das mit Filmmusik, ihrem Selbstverständnis als klassische Künstlerin und Zeitlosigkeit zu tun hat, verrät sie im Interview.

Was hat Ihr Interesse an Bachs Musik geweckt?

Eldbjørg Hemsing: Die Beschäftigung mit Bach ist eine lebenslange Aufgabe. Als Geigerin kannte ich das Repertoire für Violine, aber je mehr Chor-, Orgel- und Orchesterwerke ich von ihm gehört habe, desto mehr hat sich mir seine Musik erschlossen: Nahezu überall finden wir darin etwas Berührendes und Schönes. Ich liebe ihre innere Ordnung. Sie ist stoisch im besten Sinne. Bei Bach hat man das Gefühl: Ich weiß, woran ich bin. Das gibt Ruhe. Und selbst wenn die Musik groß, dramatisch und kraftvoll wird, bleibt diese tiefe, schöne Verbindung.

Wann hatten Sie die Idee zum Projekt „Colours of Bach“?

Hemsing: Ich wollte schon länger etwas von Bach aufnehmen und liebäugelte anfangs mit den Partiten. Damals arbeitete ich aber auch für den Film, wo es ganz selbstverständlich ist, dass Regisseure eine bekannte literarische Vorlage aus ihrer eigenen Perspektive heraus neu erzählen. Ich fragte mich also, ob ich noch eine weitere Aufnahme von genau derselben Musik machen wollte oder doch lieber etwas Spielerisches wagen sollte, was Bachs Genie mit anderen Klängen präsentiert.

Beim Anhören des G-Dur-Menuetts dachte ich sofort an das Intro einer Fernsehserie, wenn die Kamera über eine Vorstadtsiedlung fliegt. Welche Bilder hatten Sie bei den Aufnahmen vor Augen?

Hemsing: Ich bin froh, dass Sie das Menuett erwähnen, denn darüber haben wir besonders intensiv nachgedacht. Jeder Pianist lernt dieses Stück früher oder später. Es beginnt mit Violine und Klavier, fast so, als würde man versuchen, sich an etwas zu erinnern: „Was war das noch mal?“ Dann taucht ein Fragment der Melodie auf, wir spielen ein wenig mit ihr, drehen uns im Kreis und am Ende löst sie sich wie eine ferne Erinnerung im Nichts auf.

Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, ob ein Stück nur harmonisch oder ganz grundsätzlich in seinem Charakter verändert wird?

Hemsing: Das ist spielerisch im Prozess mit den drei Arrangeuren entstanden. Einerseits wollten wir testen, wie unterschiedlich man mit demselben Material umgehen kann, andererseits hat natürlich jeder seine Handschrift eingebracht. Tim Allhoff etwa hat am Ende fünf oder sechs Versionen eines Stücks vorgelegt. Am meisten überrascht hat mich aber Jan-Peter Klöpfel. Er hat mir gezeigt, dass die Akkorde in einem Song seiner Lieblingskünstlerin Cyndi Lauper identisch sind mit denen eines Bach-Stücks. Wir haben also beide miteinander verschmolzen. Es war ein echter Aha-Moment zu sehen, wie eng Musikgeschichte miteinander verbunden ist. Sie verläuft nicht getrennt in „klassisch“ und „nicht klassisch“. Alles hängt zusammen, und Bach steht am Anfang von so vielem.

„Bei Bach hat man das Gefühl: Ich weiß, woran ich bin“, sagt Eldbjorg Hemsing
„Bei Bach hat man das Gefühl: Ich weiß, woran ich bin“, sagt Eldbjorg Hemsing

Hatten Sie zwischendurch das Gefühl, dieses Projekt gleicht einem Spiel mit dem Heiligen Gral?

Hemsing: Mir war es wichtig, dass wir respektvoll mit Bachs Musik umgehen und es nicht zu bunt treiben. Trotzdem sollte auch kreativ und spielerisch mit ihr umgegangen werden. Denken Sie nur an Max Richter und seine „Four Seasons Recomposed“. Er hat etwas so Kanonisches wie Vivaldi genommen, es in eine andere Ausdrucksform gegossen und so etwas Eigenständiges geschaffen, das für sich selbst steht und weltweit bekannt wurde. Das zeigt, dass es Raum für Spiel, Kreativität und neue Wege gibt, die Menschen zu erreichen. Natürlich spricht das nicht jeden an. Wir bewegen uns in einem klassischen Umfeld, das bisweilen sehr konservativ sein kann. Gleichwohl haben wir bereits in der ersten Woche nach Release allein auf Spotify mehr als zwei Millionen Streams verzeichnet.

Warum eignet sich Bachs Musik so gut für Bearbeitungen?

Hemsing: Ich glaube, in der Klarheit seiner Strukturen spiegelt sich sein Genie. Ein Beispiel dafür ist die Chaconne aus der d-Moll-Partita, in der die Violine im Grunde ein ganzes Orchester ersetzt. Da entsteht ein ungeheurer Klangraum. Man beginnt mit dem Bass als tragendes Fundament und nach und nach treten die Variationen mit ihrer eigenen Stimme hinzu, sodass ein fantastisches Gebilde aus Akkorden und Arpeggien entsteht. Man kann fast jeden Takt herausgreifen, ihn zerlegen, wenden, neu zusammensetzen, und trotzdem behält man dabei immer das Gefühl: Das ist Bach. Und er hat die schönsten Melodien geschrieben. Wenn wir an Gefühle denken, kommt uns oft das romantische Repertoire mit Komponisten wie Rachmaninow und Tschaikowsky in den Sinn. Doch mittlerweile kann ich voller Überzeugung sagen, dass ich Bach als sehr emotional empfinde. Seine Musik ist so ehrlich, so nah am Herzen, so persönlich und nach innen gerichtet. Sie ist zeitlos.

Aktuelles Album:

Album Cover für Colors of Bach

Colors of Bach

Eldbjørg Hemsing, Elisa Båtnes, Liv Hilde Klokk-Bryhn & Maria Angelika Carlsen (Violine), Ida Klokk-Bryhn (Viola), Louisa Tuck (Cello), Kenneth Ryland (Kontrabass), Tim Allhoff (Klavier), Christian Kjos (Cembalo), Martynas Levickis (Akkordeon)
Sony

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