Bücherherbst – Anselm Grün: Meine Musik-Rituale

„Musik sollte eine bewusste Entscheidung sein“

Seit rund 55 Jahren lebt Benediktinermönch Anselm Grün als Ordensmann in der Abtei Münsterschwarzach. Seine Bücher erreichen Millionen-Auflagen, weil sie die Fragen nach einem sinnstiftenden Leben an den aktuellen weltlichen Umständen ausrichten. In seinem neusten Buch „Meine Musik-Rituale“ beschreibt Grün seine ganz persönliche Beziehung zur Musik.

© Julia Martin/Abtei Münsterschwarzach

Anselm Grün

Anselm Grün

Pater Anselm, in Ihrem Buch „Meine Musik-Rituale“ beschreiben Sie das Musik-Hören als eine Möglichkeit, die innere und äußere Welt zu verwandeln. Warum ist eine solche Verwandlung nötig?

Anselm Grün: Wir lassen uns sehr von äußeren Faktoren beeinflussen. Auch die Pandemie-Situation zieht uns nach unten und erzeugt negative Gefühle. Da ist es wichtig, für die eigene Seele zu sorgen. Die Musik ist ein guter Weg, die negativen Gefühle zu verwandeln, damit wir spüren, dass die Welt reicher und bunter ist, als die, die uns in den Medien begegnet.

Sie sprechen bewusst nicht von Veränderung, sondern von Verwandlung. Worin besteht für Sie der Unterschied?

Grün: Verändern hat etwas Aggressives. Wenn ich ein anderer Mensch werden möchte und alles anders werden soll, dann lehne ich mich selbst ab, weil ich glaube, wie ich bin, bin ich nicht gut. Eine Verwandlung hingegen setzt voraus, dass ich mich würdige, wie ich bin. Ich bin nur noch nicht der, der ich von meinem Wesen her sein könnte. Religiös ausgedrückt: Das einmalige Bild, das Gott sich von mir gemacht hat, strahlt noch nicht klar durch meine Person hindurch.

Sie beschreiben, wie bestimmte Musikstücke uns helfen können, mit Gefühlen wie Angst, Schuld, Verlust und Einsamkeit umzugehen. Aber findet durch die Musik eine wirkliche Auseinandersetzung mit diesen Gefühlen statt, oder ist sie nur ein Trostpflaster?

Grün: Natürlich gibt es Menschen, die Musik als Trostpflaster empfinden. Verwandlung besteht aber immer nur in der Begegnung. Wenn ich, um meine schlechte Laune zu vertreiben, schnell etwas Fröhliches höre, ist das sehr oberflächlich. Ich muss die Musik in mich einströmen lassen, in meinen Ärger, meine Angst und Unzufriedenheit. Ich muss mich mit diesen Gefühlen auseinandersetzen, sie anschauen und nicht bloß etwas darüber kleben. Ein Trostpflaster verwandelt mich nicht.

Wenn Sie von Begegnung sprechen, heißt das, dass die Musik die Stimmung, in der man sich befindet, auch selbst transportieren sollte, um sie dann zu verwandeln? Ich sollte also, wenn ich niedergeschlagen bin, keine übertrieben fröhliche Musik hören.

Grün: Eine rein harmonisierende Musik ist zu oberflächlich. Mozarts Musik zum Beispiel ist für mich höchst spirituell. Er betont in seinen Credo-Vertonungen immer das Wort „descendit“, also „herabgestiegen“. Man merkt, dass für ihn das Geheimnis von Weihnachten darin besteht, dass Gott hinabsteigt in meine Tiefen, in die Abgründe meiner Seele. Mozart ist ja auch selber hinabgestiegen in seine Traurigkeit und Angst und hat sie in Musik verwandelt hat. Ähnlich soll die Musik auch hinabsteigen in meine Gefühle.

Dabei finde ich das Mozart-Zitat sehr interessant, das sie in Ihrem Buch zweimal erwähnen: Demnach wollte er, egal wie dunkel die Stimmungen oder düster die Charaktere sind, die er mit seiner Musik beschreibt, dass diese immer auch schön klingt. Wäre das nicht ein Widerspruch zu dem, was Sie eben sagten?

Grün: Dieses Schöne ist aber nichts Oberflächliches. Schönheit kann auch erschrecken, sagt Peter Handke. Schönheit ist etwas Echtes. Ich schaue etwas, das mich mit meinem ursprünglichen Bild in Berührung bringt. Ich lasse das Schöne eindringen in das Hässliche, in das Dunkle, damit es sich verwandelt.

Sie zeichnen insgesamt ein sehr positives Bild der Musik und schreiben in einem Kapitel über Konstantin Wecker: „Musik will uns nicht in eine heile Welt führen, sie will uns vielmehr diese Welt mit neuen Augen sehen lassen.“ Ist das nicht eine etwas einseitige Sicht auf die Musik?

Grün: Sicher gibt es Komponisten wie Franz Liszt, die die Welt mit ihren ganzen Abgründen in Musik verwandeln. Und natürlich gibt es auch destruktive Musik, die Menschen negativ beeinflussen kann. Gute Musik kennt dagegen immer die Polarität. Musik kommt ja auch von „Zusammenklingen“. Das Dunkle und das Helle klingen zusammen.

Sie nennen Ihr Buch „Meine Musik-Rituale“. Das hört sich an, als würden Sie Musik auch abseits der kirchlichen Feste nach ganz bestimmten Regeln oder in bestimmten zeitlichen Intervallen hören. Stimmt das?

Grün: Ja, nach meinen Vorträgen höre ich zum Beispiel im Auto Musik. Das Ritual besteht darin, dass ich mich nicht zerstreue, sondern wieder auf andere Gedanken komme. Darüber hinaus höre ich aber auch in mich hinein, wenn ich das Gefühl habe, etwas hat mich negativ berührt. Dann frage ich mich, welche Musik mir jetzt guttäte und meine Stimmung verwandeln könnte.

Sie schreiben, dass Sie selbst nur eine überschaubare Anzahl von CDs besitzen und auch im Rahmen der Liturgie immer wieder die gleichen Werke hören bzw. singen. Verliert die Musik durch das häufige wiederholte Hören nicht ihre Wirkung? Oder intensiviert sich die Wirkung dadurch sogar?

Grün: Es kommt darauf an, wie offen ich in dem Moment für die Musik bin. Der Choral wiederholt sich jedes Jahr, aber nutzt sich niemals ab, weil immer wieder neu das Geheimnis des Wortes Gottes offenbart wird, je nachdem, wie ich es singe. Natürlich erinnert der Choral an das Geheimnis des Festes. Ostern geschieht nur, wenn ich „Resurrexi et adhuc tecum sum“ („Ich bin auferstanden und immer bei dir“, A.d.R.) oder bestimmte Adventslieder singe. Dabei steigt das Geheimnis des Festes in uns auf und geht durch die jährliche Wiederholung tief in uns ein und verwandelt unser Leben. Lukas hat das in seinem Evangelium erkannt und beschreibt das Leben Jesu als ein Heilsjahr. Indem es immer wiederholt wird, dringt dieses Heilende des Jahres Jesu immer tiefer in die Seele ein.  

Sie sprechen in Ihrem Buch auch die Pandemie an, die uns mit Gefühlen wie Zweifel, Sorge, Einsamkeit und Depressionen erfüllt. Sind in einer Zeit, in der sich die gewohnten Alltagsrituale auflösen, neue Rituale nötig, um uns wieder Halt zu geben?

Grün: Auf jeden Fall. Die gemeinsamen Rituale in der Liturgie werden zum Teil behindert oder infrage gestellt. Deshalb brauchen wir häusliche, versöhnliche Rituale für uns selbst. Wenn ich das Haus nicht verlassen oder an keinem Konzert teilnehmen kann, sollte ich zu Hause nicht einfach wahllos Musik hören, sondern mich bewusst mit dieser Entscheidung auseinandersetzen und mir Zeit nehmen, die Musik in mich eindringen zu lassen, anstatt sie nur nebenbei zu hören.

Menschen mit einer musikalischen Vor- oder Ausbildung fangen oft automatisch an zu analysieren, wenn sie Musik hören. Steht der Verstand der reinen Hingabe an die Musik im Wege? Und wenn ja, wie könnte man dieses Hindernis umgehen?

Grün: Wenn ich immer gleich bewerte, ob ein Stück gut gespielt oder dirigiert wird, kann das schon ein Hindernis sein. Allerdings kann das Wissen für den Musikkenner auch eine Hilfe sein, wenn er bereit ist, sich von der Musik treffen zu lassen. Das Bewerten macht die Musik zu einem Objekt, das ich analysieren, das ich aber nicht in mich selbst verwandeln kann.

Wie sieht Ihre eigene musikalische Schulung aus?

Grün: Ich habe auf dem Gymnasium Unterricht auf dem Cello bekommen und auch im Orchester gespielt, komme aber nur noch selten zum Musizieren. Das Cello hat für mein Empfinden einen sehr schönen weichen und heilsamen Klang. Es tut mir gut, darauf zu spielen.

Wie sehen Ihre Musik-Rituale an Heiligabend aus?

Grün: Am 24. Dezember haben wir nachmittags erst mal die lateinische Vesper. Dann feiern wir einen Konvent mit Liedern und Gedichten. Danach ziehe ich mich drei Stunden auf mein Zimmer zurück, um zu meditieren. Ich zünde Kerzen an und höre die erste Kantate aus Bachs Weihnachtsoratorium. Dann mache ich eine Pause, denke an die Menschen und schaue mir die Weihnachtsbilder an. Danach höre ich noch die zweite Kantate, bevor um kurz vor elf die Liturgie beginnt.

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