Feature: Digitales Remastering

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Der Begriff „Digitally Remastered“ begleitet den Tonträgermarkt seit Ende der achtziger Jahre. Doch was ist dran an dem Begriff, der so gerne als Gütesiegel verstanden wird?

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Seit bald vierzig Jahren ist die CD als physischer Tonträger weltweiter Standard. Ihr Siegeszug begann kurz nach ihrer Markteinführung 1983, mit wachsender Beliebtheit hatte sie fünf Jahre später die Vinylschallplatte auf dem Absatzmarkt überholt. Damals für ihre hohe Klangqualität und größeren Speichermöglichkeit als weit überlegen gegenüber der Schallplatte angepriesen, sollte es aber nicht lange dauern, bis erste Stimmen der Ernüchterung aufkamen und das neue Medium in puncto Klang massiv kritisiert wurde. Wie konnte es sein, dass einige CDs schlechter klangen als dieselben Aufnahmen auf einer Schallplatte, wo doch gar damit geworben wurde, die klangliche Limitierung der originalen Tonbänder auf einer CD hörbar machen zu können? Was dann folgte, ist ein bis heute anhaltender Streit unter Musikliebhabern, welches Medium das nun klanglich vorteilhaftere sei. Eine Frage des persönlichen Geschmacks? Rein physikalisch betrachtet ist es das nicht. Eine Compact Disc erreicht unter Laborbedingungen einen nahezu doppelt so großen Dynamikumfang wie eine Vinylplatte, lässt jedoch auf der anderen Seite eine getreue Wiedergabe nur bis zu einem gewissen Frequenzbereich zu, was zur Folge hat, dass Aufnahmen vor der Digitalisierung in ihrem Dynamikumfang begrenzt werden müssen. Was an dieser Stelle nach einem massiven Eingriff in das Audiomaterial anmutet, war jedoch in den meisten Fällen nicht die Ursache des klanglichen Dilemmas. Oft lag es am analogen Ausgangsmaterial, sprich: an den Masterbändern, die sich entweder in einem mangelhaften bis schlechten Zustand befanden oder nur noch in Kopien vorlagen.

Ein Gütesiegel als Problemlösung?

Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die ersten CDs mit dem Hinweis „Remastered from the Original Master Tapes“ erschienen, was von der Käuferschaft schnell – wie von den Plattenfirmen angestrebt – als Gütesiegel wahrgenommen wurde. Nun erhielt der Musikliebhaber vermeintlich auch das optimale Klangerlebnis auf Compact Disc – exakt so, wie man es auf Vinyl hätte. Doch um sich einer derartigen Annahme sicher zu sein, lohnt auch heute noch der Blick hinter den Anfertigungsprozess des digitalen Remasterings.

Zunächst ist unter diesem Begriff die Nachbearbeitung einer bereits finalisierten, in der Tontechnik als „gemastert“ bezeichneten Aufnahme zu verstehen. Dieses Verfahren wird dann nötig, wenn ältere Aufnahmen für die Wiederveröffentlichung auf CD vorgesehen sind. Einer der führenden Toningenieure im Bereich des digitalen Remasterings ist Christophe Hénault. Zu seinen Kunden gehören Plattenfirmen wie Universal oder Warner, für die er regelmäßig an großen Wiederveröffentlichungsprojekten legendärer Aufnahmen arbeitet. „Seit den Anfängen der digitalen Audiotechnik ist die Nachfrage nach remasterten Aufnahmen stetig gestiegen. Die Qualität der heutigen Ergebnisse ist jedoch mit jenen aus den Anfängen nicht zu vergleichen.“

Ein vieldeutiger Begriff: Digitales Remastering

Die Bandbreite dessen, was unter Remastering verstanden werden kann, reicht von der reinen Digitalisierung des analogen Audiomaterials über die klangliche Restaurierung der Aufnahme bis hin zur gänzlich neuen Abmischung der originalen Mehrspurbänder. Wo also bei der reinen Digitalisierung älterer Masterbänder im Idealfall exakt jenes Audiomaterial auf der digitalen Kopie landet, das ursprünglich beim Mastering der analogen Bänder intendiert wurde, findet sich bei einer restaurierten beziehungsweise neu abgemischten Aufnahme womöglich ein ästhetisch völlig anderes Ergebnis, als es das künstlerische Bestreben zur Zeit der Entstehung der Aufnahme vorsah. Für Hénault gilt es bei seiner Arbeit stets, die Ästhetik der Originalaufnahme zu bewahren. „Der Charakter muss erhalten bleiben. Ich würde also niemals versuchen, aus einer tollen Monoaufnahme eine künstliche Stereoaufnahme zu erzeugen.“ Eines haben jedoch alle drei genannten Verfahren gemeinsam: Je nach Zustand des analogen Ausgangsmaterials ist das Klangergebnis des digitalen Remasterings besser oder schlechter. Dass man aus einer minderwertigen Tonbandkopie nach jahrzehntelanger Lagerung keinen audiophilen Hochgenuss mehr entlocken kann, leuchtet ein. „Daher mache ich mich mit dem entsprechenden Label zunächst auf die Suche nach der bestmöglichen Quelle. Für das Box-Set historischer Furtwängler-Aufnahmen von Warner Classic etwa stieß ich bei der Recherche auf die originalen Tonbänder seiner Aufnahme von Beethovens siebter Sinfonie von 1950.“ Nicht selten entscheidet dann der subjektive Höreindruck oder der Geschmack des Toningenieurs über das Ergebnis: „Nachdem der gewünschte Klang mit dem Label abgesprochen wurde, ist man natürlich auch immer selbst künstlerisch involviert.“

Behutsamer Prozess

Der Weg zu einer hochwertig remasterten Aufnahme erfolgt dabei in behutsamen Schritten. Zu Beginn des Prozesses bedeutet bringt der Toningenieur alle notwendigen Informationen und Hintergründe der Aufnahme in Erfahrung und recherchiert Produktionsdetails, die im Idealfall in Form alter Skizzen vorliegen. Anhand dieses Materials, das neben technischen Unzulänglichkeiten auch akustische und künstlerische Vorstellungen dokumentiert, beginnt anschließend der digitale Remasteringprozess, bei dem das Masterband nach entsprechender Präparierung zunächst mittels Analog-Digital-Wandler in digitale Software übertragen wird. „Die Auswahl der für eine Aufnahme geeigneten Konverter ist dabei essenziel“, berichtet Hénault. „Anschließend ist es mithilfe modernster Technologie möglich, etwaige Fehler der Aufnahme wie Sprünge in der Tonhöhe oder der Geschwindigkeit, Knacken und Rauschen zu minimieren“. Auch künstlich erzeugte klangliche Unzulänglichkeiten, die einst bei der Herstellung von Masterbändern für die LP-Pressung nötig waren, gilt es auszumerzen. Darunter fallen Frequenzanpassungen in den Höhen, die oftmals gegen Ende einer Plattenseite getätigt wurden, um der zunehmenden Verzerrung einer Vinylplatte zur Auslaufrille hin entgegenzuwirken, oder auch Frequenzausdünnungen im Bassbereich, die bei größerer Lautstärke zur Minimierung der Plattenrillen beitrugen. „Dieser Arbeitsschritt ist natürlich ziemlich subjektiv, so dass man hier die richtige Balance zwischen Hörkomfort und Originalklang findet“.

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Nach vielen Jahren der Lagergung sind Tonbänder meist nicht mehr im optimalen Zustand

Nach vielen Jahren der Lagergung sind Tonbänder meist nicht mehr im optimalen Zustand

Dreiste Werbemaßnahmen und seriöse Reissues

Die klanglichen beziehungsweise ästhetischen Vor- und Nachteile muss jeder selbst bewerten, doch am Ende ist es vor allem eine Frage des Geschmacks: Möchte man eine Aufnahme wie zur Zeit ihrer Entstehung genießen oder eine, die durch technische Optimierung in zeitgemäßem Klanggewand erscheint? Deutlich wird hier, dass die Verwendung des Begriffs „Digitally Remastered“ von der reinen digitalen Bereitstellung bis hin zu einem nach heutigen HiFi-Standards aufgearbeiteten Audiomaterial reicht, was sich gerade Label im niedrigen Preissegment für die Veröffentlichung von älterem und somit nicht mehr urheberrechtlich geschützten Audiomaterial zu Nutze machen. Was gezielt als Werbezweck dient, um klanglich minderwertige Aufnahmen aus verkaufspsychologischer Sicht „aufzuwerten“, hat mit audiophilem Genuss wenig zu tun. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings nicht, dass der Begriff unter Generalverdacht gestellt werden sollte. Viele Labels veröffentlichen Teile ihres Katalogs in aufwändig produzierten Reissue-Reihen, die mithilfe von aufwändigen Verfahren nicht nur klangliche Vorteile bieten, sondern auch unter künstlerisch-ästhetischen Gesichtspunkten überzeugen. „Natürlich ist ein gutes Remastering, das tatsächliche Fehler im Audiomaterial korrigiert, durchaus sein Geld wert“, meint Hénault. Sicher steht auch hier ein wirtschaftlicher Gedanke hinter den Wiederveröffentlichungen, doch das klangliche Dilemma aus den Anfangszeiten der Compact Disc ist hier nicht mehr anzutreffen.

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