Porträt Karol Szymanowski Quartet

Wie aus einem Guss

Kultureller Austausch über Epochen und nationale Grenzen hinweg ist die erklärte Mission des Karol Szymanowski Quartet.

© Bruno Fidrych

Über ganz Europa verteilt sind die vier Mitglieder des Karol Szymanowski Quartet, als man zum Zoom-Meeting zusammentrifft. Wie man es von einem klassischen Ensemble erwartet, kommt die Antwort auf die erste Frage in perfekter Einstimmigkeit: „Es regnet!“ Dass sich Agata Szymczewska, Robert Kowalski, Volodia Mykytka und Karol Marianowski von der europäischen Großwetterlage in diesem Frühjahr aber keinesfalls die Laune verderben lassen, wird schnell deutlich, denn sie haben eine gemeinsame Mission.

Die besondere Chemie zwischen den vier Musikern ist augenscheinlich. Kein Blatt passt zwischen ihre künstlerischen Vorstellungen, gegenseitiges Zuhören und demokratische Entscheidungen sind eminent. „Unser Vorteil ist, dass wir einen sehr ähnlichen Geschmack in der Wahrnehmung von Musik und eine ähnliche Kultur in Bezug auf Klang und Ausdruck haben“, erklärt Gründungsmitglied und Bratschist Volodia Mykytka. „Natürlich haben wir einige Zeit gebraucht, um eine gemeinsame, gesunde, starke und positive Energie zu finden. Vier starke Charaktere mussten eben lernen, sich wechselseitig auszubalancieren“.

Was die vier künstlerisch eint, ist ein gemeinsam empfundenes Musikverständnis, dessen Grundinspiration zum einen auf dem kollektiven Bekenntnis zur polnischen und osteuropäischen Musik beruht, zum anderen dem Werk ihres Namenspatrons Karol Szymanowski verpflichtet ist. Um ihre künstlerischen Ziele umzusetzen, streben sie eine Einheit auf verschiedenen Ebenen an. Das Glück einer geschlossenen musikalischen Existenz, ein Zusammengehörigkeitsgefühl und das gegenseitige Vertrauen sowohl auf künstlerischer als auch auf freundschaftlicher Ebene – diese Trias ist in ihren Augen ihr Schlüssel zum Erfolg.

In Europa zu Hause

Einen wahren Balanceakt vollbringt das Karol Szymanowski Quartet indes für seine Probenarbeit, die aufgrund der über ganz Europa verteilten Wohnorte weit im Voraus geplanten werden muss. „Da die Zeit begrenzt ist, ist jeder von uns sehr gut auf die erste Probe vorbereitet, so dass wir sehr wenig Zeit mit Technik verbringen müssen und uns voll auf die Musik konzentrieren können“, erzählt Mykytka. Um dann aus vier unterschiedlichen Vorstellungen eine Interpretation zu schaffen, wird demokratisch diskutiert. „Das Gefühl, welche Vision die Überzeugendste ist, kommt immer recht schnell. Oft aber verschmelzen unsere Ideen“, erklärt Violinist Robert Kowalski. Was ihnen während der Findungsprozesse hilft, ist eine große Vielfalt an Erfahrungen, wie Violinistin Agata Szymczewska beschreibt: „Ein Vorteil ist der alltägliche Kontakt in völlig unterschiedlichen musikalischen und sogar kulturellen Umgebungen. Diese in einem Raum versammelte Mischung sorgt dann sowohl während der Proben als auch während der Konzerte für intensive Reize.“

© Bruno Fidrych

Karol Szymanowski Quartet

Karol Szymanowski Quartet

Es sind die Liebe zum Detail, musikalische Präzision und ihre ungebremste Spielfreude, die dem Quartett bislang große Erfolge und zahlreiche Auszeichnung bescherten. Die Suche nach kulturellem Austausch über Epochen und nationale Grenzen hinaus steht dabei im Mittelpunkt ihrer Programme. Für das Publikum entstehen so außergewöhnliche musikalische Blickwinkel, die die Vielschichtigkeit und Komplexität der Gattung Streichquartett hervorheben und ungeahnte Verbindungen zwischen scheinbar kulturellen Hürden aufzeigen. Besondere Anerkennung erhielten sie in der Vergangenheit für ihre Auseinandersetzung mit den Werken Alban Bergs. Vor allem jedoch sind es Komponisten polnischer und osteuropäischer Herkunft wie Witold Lutosławski, Sofia Gubaidulina, Mieczysław Weinberg und Krzysztof Penderecki, die den vier Musikern besonders am Herzen liegen und die sie regelmäßig in ihren Konzertprogrammen präsentieren – dramaturgische Gegenüberstellungen mit Werken von Arnold Schönberg, Erich Wolfgang Korngold und Igor Strawinsky nicht ausgeschlossen. „Natürlich lieben wir es auch über alles, Schubert und Beethoven zu spielen“, fügt Kowalski hinzu. „So entstehen großartige Kontraste während der Konzerte“. Dennoch kostet es bei Veranstaltern mitunter etwas Überzeugungsarbeit, wie Karol Marianowski erklärt: „Es ist nicht immer einfach, die Konzertveranstalter von den erst mal ungewöhnlich erscheinenden Programmen zu überzeugen.“ Doch der Erfolg gibt ihnen Recht.

Den kulturellen Austausch im Blick: Karol Szymanowski Quartet

Seinen Weg führte das Quartett bislang an renommierte Konzerthäuser wie die Carnegie Hall in New York, die Wigmore Hall in London, den Wiener Musikverein oder das Concertgebouw Amsterdam. Zudem standen internationale Festivals wie das Rheingau Musik Festival, das Schleswig-Holstein Musik Festival, die BBC Proms oder die Schubertiade auf dem Tourneeplan. Dann kam die Pandemie, die es dem Quartett nicht einfach machte. Es kostete Kraft, die Energie nicht zu verlieren. Oftmals waren sie gezwungen, die Proben zu dritt zu machen, in verschieden Aufstellungen, je nachdem, wer aus welchem Land gerade nicht einreisen durfte. „Die Pandemie hat uns allen klar gemacht, was Kunst heutzutage wert ist“, fasst es Szymczewska treffend zusammen. Seine Mission des kulturellen Austauschs verliert das Karol Szymanowski Quartet dennoch auch weiterhin nicht aus den Augen.

Sehen Sie hier das Karol Szymanowski Quartet:

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