Interview Renée Fleming

„Das geht direkt ins Herz”

Renée Fleming über die Vorfreude auf das Strauss-Jahr, ihre Liebe zu Volksliedern und den Kulturverfall in Amerika

© Andrew Eccles/Decca

Renée Fleming

Renée Fle­ming gehört mit ihrem lyri­schen Sopran zu den unum­strit­te­nen Stars der inter­na­tio­na­len Musik­sze­ne. Wenn sich 2014 der Geburts­tag von Richard Strauss zum 150. Mal jährt, wird die Ame­ri­ka­ne­rin auch wie­der öfter auf den Büh­nen die­ser Welt zu sehen sein: in Wien, New York – und in Dres­den. Hier ist sie auch zu Gast beim Sil­ves­ter­kon­zert der Säch­si­schen Staats­ka­pel­le.

Eben ist auf DVD nicht nur Ari­ad­ne auf Naxos, son­dern auch Ihr ers­tes Kon­zert mit der Staats­ka­pel­le Dres­den erschie­nen. Wie neh­men Sie eigent­lich die Orches­ter wahr, mit denen Sie musi­zie­ren?

Renée Fle­ming: Die Qua­li­tät der Orches­ter in Deutsch­land und Öster­reich ist im All­ge­mei­nen sehr hoch. Ich neh­me die­se Zusam­men­ar­beit immer sehr pro­fes­sio­nell, aber doch eher im Hin­ter­grund wahr. Für mich ist eher der Kon­takt zum Diri­gen­ten ent­schei­dend. Mit Chris­ti­an Thie­le­mann pfle­ge ich eine wun­der­ba­re Bezie­hung.

Was macht ihn so beson­ders?

Fle­ming: Er ist unheim­lich sen­si­bel und stützt die Sän­ger sehr. Mit sei­nen fan­tas­ti­schen Ideen ver­langt er auch sehr viel. Vor kur­zem habe ich ein Beet­ho­ven-Pro­gramm unter sei­ner Lei­tung gehört, da stimm­te ein­fach alles! Bes­ser geht es nicht.

Sie schwär­men ja rich­tig.

Fle­ming: Ja, weil er auch kei­ne gro­ße Ges­te macht, er braucht das nicht. Thie­le­mann kann ein Orches­ter so füh­ren, dass es von sich aus raf­fi­nier­ter spielt. Sagen wir: es schwebt. Ich könn­te zum Bei­spiel sonst eine Ari­ad­ne gar nicht sin­gen, weil die Musik sehr üppig instru­men­tiert ist. Mit Chris­ti­an fühlt sich das wie Kam­mer­mu­sik an. Ihre Bereit­schaft, die Fähig­kei­ten und Gren­zen der eige­nen Stim­me so gut ein­zu­schät­zen, ist nicht jedem Sän­ger gege­ben. Die­se Sen­si­bi­li­tät für die eige­ne Stim­me ist ein Muss, sonst macht man Feh­ler, die das wich­tigs­te Hand­werks­zeug eines Sän­gers kaputt machen.

Lau­fen jun­ge Sän­ger heut­zu­ta­ge eher Gefahr, zu schnell ver­braucht zu sein?

Fle­ming: Das ist eine sehr per­sön­li­che Sache. Klu­ge Sän­ger kön­nen nein sagen, sie müs­sen zumin­dest auf untrüg­li­che Signa­le reagie­ren. Wenn man zu früh zu viel singt, was einem eigent­lich nicht liegt, hat man sehr bald ein tech­ni­sches Pro­blem.

Hat sich der Druck auf Solis­ten erhöht?

Fle­ming: Auf jeden Fall. Das Leben ver­langt sehr viel von uns, da geht es ja nicht nur um hohe Töne. Es gilt ja auch gegen Kol­le­gen zu bestehen, die viel lau­ter sin­gen – da ver­braucht man sich schnell. Des­we­gen sin­ge ich kei­nen Puc­ci­ni und wenig Ver­di, dafür bin ich nicht gemacht.

Und gut sin­gen allein reicht ja auch noch nicht für eine erfolg­rei­che Kar­rie­re.

Fle­ming: Rich­tig, Sie müs­sen auch noch schön aus­se­hen, das ver­lan­gen Zuhö­rer wie Regis­seu­re. Ich ver­mitt­le das auch gern den Schü­lern in mei­nen Meis­ter­kur­sen: Die Zeit des Ram­pen­sän­gers ist vor­bei, es braucht glaub­wür­di­ge Sän­ger­dar­stel­ler. Und es braucht mehr Stars wie Jonas Kauf­mann, von dem das Publi­kum wis­sen will, was er jeden Mor­gen früh­stückt. Die­se medi­al aus­ge­brei­te­te Berühmt­heit nützt uns als Ver­mitt­lern klas­si­scher Musik.

2014 wird als Strauss-Jahr gefei­ert. War­um liegt Ihnen so viel an ihm?

Fle­ming: Sei­ne Rol­len pas­sen nicht nur stimm­lich, son­dern vor allem mensch­lich zu mir. Die Mar­schal­lin im „Rosen­ka­va­lier“ ist mei­ne Lieb­lings­rol­le. Man kann sie immer wie­der anders spie­len. Die­se Frau gehört zu uns allen, jeder ver­steht ihre Fra­gen nach Zeit, Ver­gäng­lich­keit und Schön­heit.

Neben den bekann­ten Rol­len küm­mern Sie sich aber auch um Reper­toire jen­seits aus­ge­tre­te­ner Pfa­de. Auf Ihrer neu­en CD fin­det sich viel Unbe­kann­tes. Suchen Sie sich das selbst aus?

Fle­ming: Es ist eine gro­ße Lei­den­schaft von mir, unbe­kann­ter Musik die Gel­tung zu ver­schaf­fen, die sie ver­dient. Gera­de die sla­wi­schen Sachen sind sicher außer­ge­wöhn­lich, wenn auch kein Geheim­nis mehr, denn Sie fin­den ja heu­te fast alles im Inter­net. Den­noch gibt es noch viel zu ent­de­cken.

Was inter­es­siert Sie so an der sla­wi­schen Musik?

Fle­ming: Auf jeden Fall die Nähe zur Folk­lo­re. Volks­lie­der sind mir sehr nahe – da wird vie­les zitiert und geht direkt ins Herz. Ein­fach und in Stro­phen­form, das habe ich immer geliebt.

Das Gegen­teil davon sind kom­ple­xe Wer­ke, die teil­wei­se stark kon­stru­iert insze­niert wer­den. Stört Sie das?

Fle­ming: Nein, wenn das Kon­zept stimmt. Ich mache ja nicht so viel Oper, aber wenn, dann arbei­te ich zum Bei­spiel viel mit Robert Car­sen zusam­men, den ich für einen sehr klu­gen Regis­seur hal­te und des­sen Kon­zep­te immer gut funk­tio­nie­ren. Manch­mal sehe ich auch Insze­nie­run­gen, deren Erzähl­wert ich nicht nach­voll­zie­hen kann, aber ich fin­de das auch nicht schlimm. Ich wür­de mich selbst nicht als kon­ser­va­tiv bezeich­nen, wer­de aber vor allem für kon­ser­va­ti­ve Opern ange­fragt.

Was mei­nen Sie damit?

Fle­ming: Es ist doch so: Seit 100 Jah­ren spielt man immer wie­der das glei­che Reper­toire. Die alten Opern ver­kau­fen sich bes­ser als neue. Also müs­sen Sie ver­su­chen, damit neue Geschich­ten zu erzäh­len – oder eben gleich ganz neue Opern zu ent­wi­ckeln, die den The­men unse­rer Zeit ent­spre­chen. Die zeit­ge­nös­si­sche Oper hat doch vor allem ein Pro­blem. Ich fin­de, alle Opern­häu­ser soll­ten dazu ver­pflich­tet wer­den, die Moder­ne zu pfle­gen.

Aber Sie sagen ja selbst – die hat es schwer.

Fle­ming: Nun ja, in der Fest­spiel­zeit ist es leich­ter, da zieht das Publi­kum viel­leicht mit, aber im nor­ma­len Reper­toire­all­tag wird es all­ge­mein immer schwie­ri­ger, Kar­ten zu ver­kau­fen. Ich sehe das zum Bei­spiel in Chi­ca­go, wo ich als Bera­te­rin fun­gie­re: Da müs­sen Sie erst mal 3600 Plät­ze fül­len, an der MET sind es 4000. Ohne öffent­li­che För­de­rung sind Sie gera­de­zu gezwun­gen, ein kon­ser­va­ti­ves Pro­gramm zu fah­ren.

Wor­an liegt es, dass das Inter­es­se an der Oper sta­gniert?

Fle­ming: Auf die hohe Kunst muss man sich ein­las­sen, das braucht Müßig­gang. Das Leben wird aber immer kom­ple­xer, wir brau­chen mehr Zeit statt weni­ger. In der Schu­le fin­det kaum noch Musik statt, im Eltern­haus schon gar nicht.

Wird es in Ame­ri­ka noch mehr Häu­ser tref­fen wie die New York City Ope­ra?

Fle­ming: Ich fürch­te ja. Auch die Orches­ter haben zur­zeit gro­ße Schwie­rig­kei­ten. In den 90er Jah­ren gab es ja schon mal eine Wel­le. Damals haben krea­ti­ve Men­schen Wege gefun­den, klei­ner und bil­li­ger zu pro­du­zie­ren ohne Abstri­che an der Qua­li­tät. Also – es gibt noch Hoff­nung.

CD-Tipp

Termine

Freitag, 30.06.2023 20:00 Uhr Festspielhaus Baden-Baden

Renée Fle­ming, Yan­nick Nézet-Ségu­in

La Capitale d' Été – Sommerfestspiele Baden-Baden
Sonntag, 02.07.2023 17:00 Uhr Festspielhaus Baden-Baden

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