Interview Olga Peretyatko

„Sie müs­sen mich stop­pen, ich quat­sche zu viel“

Als Karatekämpferin brachte es Olga Peretyatko einst bis zum roten Gurt – heute wird sie in aller Welt ob ihres perfekten Soprans gefeiert

© scholzshootspeople

Olga Peretyatko

Leicht ange­schla­gen klingt ihre Stim­me an die­sem Vor­mit­tag – zumin­dest nach Olga Pere­tyat­kos Selbst­dia­gno­se: Denn im Gespräch ist so gar kein Krank­heits­an­zei­chen zu ent­de­cken. Ganz im Gegen­teil, die Sopra­nis­tin sprüht vor Tem­pe­ra­ment und Lebens­lust und steckt mit ihrer Fröh­lich­keit an. Rück­sicht auf die Stim­me? Kein The­ma – in jeg­li­cher Hinscht: „Immer wenn ich nach Deutsch­land kom­me, trin­ke ich als ers­tes ein dunk­les Wei­zen­bier – das ist mein abso­lu­tes Lieb­lings­ge­tränk!“

Sind Sie ein Star – oder eine Diva?

Ich bin eine Sän­ge­rin und ver­su­che mein Bes­tes zu geben – wie man mich nennt, das nicht mei­ne Sache (lacht). Mein Job ist, so gut wie mög­lich zu sin­gen und mei­ne Ener­gie dem Publi­kum zu ver­mit­teln. Eine Diva bin ich aber nicht: Ursprüng­lich war das ja mal ein posi­tiv besetz­tes Wort, aber durch vie­le nega­ti­ve Bei­spie­le ist es im Lau­fe der Zeit dis­kre­di­tiert wor­den – inso­fern bin ich lie­ber kei­ne Diva.

Fakt ist auf jeden Fall, dass Sie jeden Abend umju­belt wer­den. Wie groß ist da die Gefahr abzu­he­ben?

Das Wich­tigs­te ist am Boden zu blei­ben. Und man muss begrei­fen: Es gibt immer Leu­te, die einen mögen und die Stim­me super­schön fin­den – und umge­kehrt gibt es die­je­ni­gen, die dich has­sen und dei­ne Stim­me häss­lich fin­den. Was mit dir selbst als Per­son aber über­haupt nichts zu tun und was du auch nicht beein­flus­sen kannst.Natürlich muss man sehr viel arbei­ten, um jeden Abend umju­belt zu sein: Tech­ni­sche Per­fek­ti­on ist dabei aber nur das eine …

… und was ist das ande­re?

Noch viel wich­ti­ger ist es, so viel posi­ti­ve Ener­gie wie mög­lich in die eige­ne Arbeit ein­flie­ßen zu las­sen. Das näm­lich spürt das Publi­kum – und eben das ist wahr­schein­lich auch das Beson­de­re, was eini­ge kön­nen und ande­re nicht. Bist du aber allein auf Tech­ni­sches fixiert, ist es dir nicht mög­lich, die­sen Schritt zu gehen und über die Tech­nik hin­aus­zu­wach­sen. Wenn du aber alles gibst, dann spürt dies das Publi­kum – und das ist vor allem eine Fra­ge der Kon­zen­tra­ti­on. Ich habe jetzt aber ver­ges­sen, was die ursprüng­li­che Fra­ge war: Sie müs­sen mich ein­fach stop­pen, ich quat­sche zu viel ...

... oh nein, ich lau­sche Ihnen gern – Sie sehen also kei­ne Gefahr abzu­he­ben?

Nein, denn ich bin mei­ne bes­te und schlimms­te Kri­ti­ke­rin. Vom Publi­kum bekom­me ich alle mög­li­chen Kom­pli­men­te – davon schie­be ich erst ein­mal die Hälf­te weg, denn ich weiß, wo ich gut und wo ich schlecht war. Auch wenn du schon berühmt bist, ist es sehr wich­tig, am Boden zu blei­ben, um sich selbst real wahr­zu­neh­men: Man darf nie auf­hö­ren zu ler­nen.

Wenn Sie selbst Ihre schärfs­te Kri­ti­ke­rin sind, was sehen Sie denn bei sich beson­ders kri­tisch?

Wenn ich etwa auf der Büh­ne nicht kon­zen­triert bin! Das ist für mich immer noch ein Rät­sel: Ich berei­te mich super vor wie immer, doch dann kom­me ich auf die Büh­ne und auf ein­mal schie­ßen mir wäh­rend des Sin­gens blö­de Fra­gen oder Gedan­ken durch den Kopf. Das macht mich wirk­lich wahn­sin­nig, doch ich habe noch immer nicht ergrün­den kön­nen, war­um ich ab und zu völ­lig kon­zen­triert bin und manch­mal ein­fach zer­streut. Zu 90 oder 95 Pro­zent schaf­fe ich das aller­dings schon mit der Kon­zen­tra­ti­on.

Was ist Ihr Rezept dafür?

Ich bevor­zu­ge es, vor der Vor­stel­lung über­haupt nicht zu reden – aber nicht weil es den Stimm­bän­dern schlecht tut: Das ist Blöd­sinn. Nein, ein­fach um die Ener­gie zu bün­deln. Wenn du näm­lich zu viel quatschst, dann raubt dir das die Ener­gie.

Wor­auf ach­ten Sie sonst noch hin­sicht­lich Ihrer Stim­me?

Vor allem jen­seits der Büh­ne nicht zu viel zu sin­gen. Natür­lich habe ich immer viel zu ler­nen an neu­en Rol­len, aber wenn zwi­schen den Vor­stel­lun­gen nur ein oder zwei Tage lie­gen, dann muss ich schwei­gen und ler­ne stumm. Denn es ist super­wich­tig, sich zu erho­len – und ich muss schla­fen vor der Vor­stel­lung: defi­ni­tiv! (lacht)

Mehr nicht?

Ansons­ten kannst du alles machen: Schließ­lich musst du auch leben. Es gibt eini­ge Kol­le­gen, die koh­le­säu­re­hal­ti­ge Geträn­ke mei­den oder kein Fleisch essen, kein Bier und kei­nen Wein zu sich neh­men – aus mei­ner Sicht ist alles mög­lich, solan­ge man es nicht über­treibt. Denn das gehört alles zum Leben und man muss das Leben auch genie­ßen kön­nen. Ich auf jeden Fall tra­ge nicht 24 Stun­den am Tag einen Schal und Kli­ma­an­la­gen stö­ren mich auch nicht wei­ter – sagen wir es so: Da bin ich kei­ne nor­ma­le Kli­schee-Opern­sän­ge­rin.

Was cha­rak­te­ri­siert denn eine Kli­schee-Opern­sän­ge­rin?

Sie spricht vor der Vor­stel­lung nicht, schreibt statt­des­sen ihre Wor­te auf klei­ne Kärt­chen, trägt stän­dig einen Schal und wenn jemand niest, dann ent­fernt sie sich schnell aus die­sem Raum. Und natür­lich trinkt sie kei­nen Alko­hol und isst kei­ne Nüs­se: Das ist manch­mal schon krank. Ich zie­he es vor, über all das nicht nach­zu­den­ken – das macht das Sän­ger­le­ben sehr viel ein­fa­cher.

Und offen­bar auch erfolg­reich, denn Sie haben in den letz­ten Jah­ren rich­tig Kar­rie­re gemacht.

Eigent­lich mache ich alles so, wie ich es schon immer gemacht habe. Ich ver­su­che mein Bes­tes zu geben, immer vor­be­rei­tet sowie nett zu Kol­le­gen, Diri­gen­ten und ande­ren Mit­wir­ken­den zu sein. Und in Ver­bin­dung mit guten Kri­ti­ken, guter Gesund­heit und wachem Ver­stand kann die­se Kar­rie­re dann gern noch lan­ge dau­ern ... (lacht)

Also doch Kar­rie­re …

Nein, Kar­rie­re mache ich nicht: Es ist ein Beruf wie alle ande­ren – viel­leicht ein biss­chen anders, eigen­ar­tig und manch­mal auch komisch, aber es ist ein Job.

Trotz Ihres Under­state­ments wer­den Sie gern als Netreb­ko-Nach­fol­ge­rin titu­liert – gefällt Ihnen das?

Men­schen wer­den gern mit ande­ren Men­schen ver­gli­chen: Eine Schau­spie­le­rin etwa mit Audrey Hepb­urn, ich mit Anna Netreb­ko, und nun kommt eine neue Gene­ra­ti­on von Sän­ge­rin­nen, die dann mit mir ver­gli­chen wer­den – ich ken­ne schon sol­che Fäl­le, die schrei­ben mir alle auf Face­book (lacht). Aber im Grun­de ist es mir egal, was geschrie­ben wird, solan­ge es kein Nekro­log ist.

Alles ande­re als Nekro­lo­ge haben die Medi­en sei­ner­zeit nach Ihrem Met-Debüt ver­fasst – am Diri­gen­ten­pult stand damals Ihr Mann Miche­le Mariot­ti: Ord­nen Sie sich ihm gern unter?

Als wir uns 2010 in Pesa­ro beim Ros­si­ni Ope­ra Fes­ti­val ken­nen­lern­ten, da habe ich noch zynisch geunkt: Was ist denn das für ein jun­ger Diri­gent – auch wenn er älter ist als ich … Doch nach den ers­ten Pro­ben war ich sprach­los, wie tief­grün­dig die­ser Mensch ist – ein für sein Alter wirk­lich unge­wöhn­lich tief­sin­ni­ger und rei­cher Musi­ker.

Und des­we­gen las­sen Sie sich von ihm auch gern füh­ren?

Er fragt mich ab und zu um Rat­schlä­ge, ich fra­ge ihn um Rat – es ist schon eine sehr gute Zusam­men­ar­beit. Eine Pro­duk­ti­on mit ihm ist immer sehr ange­nehm, da er mit mir atmet – und zwar nicht nur mit mir, weil ich sei­ne Frau bin, son­dern mit jedem Sän­ger.

Das klingt, als sei­en Sie der Gegen­be­weis für die Emp­feh­lung, Paa­re soll­ten beruf­lich bes­ser getrenn­te Wege gehen.

Klar haben wir uns bei unse­ren ers­ten gemein­sa­men Kon­zer­ten als Paar gefragt, wie das wohl wird – aber anders als erwar­tet, lief das ganz nor­mal. Natür­lich hat jeder sei­ne Kar­rie­re, und das fin­de ich auch sehr gut, aber ab und zu zusam­men­zu­ar­bei­ten, macht auch Spaß, zumal wir uns eben nicht jeden Tag sehen.

Hält die häu­fi­ge Distanz die Lie­be frisch?

Auf jeden Fall ist es dadurch, dass wir uns nicht so oft sehen, immer schön – das ist nicht das Pro­blem, glau­ben Sie mir (lacht). Und wenn ich kei­ne Lust mehr auf die­se ewi­gen Tren­nun­gen habe, dann wer­de ich schwan­ger und für ein Jahr aus­set­zen, nur Haus­frau sein und mei­nem Mann fol­gen.

Nun, aktu­ell sind Sie bei­de meist auf ver­schie­de­nen Wegen und in ver­schie­de­nen Län­dern unter­wegs: Wie hal­ten Sie da Kon­takt – über Face­book?

Nein, er ist kein Face­book-Typ. Aber Sky­pe ist da eine gro­ße Hil­fe – das Leben ist schon ange­neh­mer gewor­den, seit es die­se tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten gibt. Stel­len Sie sich ein­mal vor, wie das vor 100 Jah­ren in unse­rem Fall aus­ge­se­hen hät­te: Da gab es nur Brie­fe – heu­te kön­nen wir uns immer­hin leib­haf­tig sehen …

… dafür haben sich die Men­schen damals beson­ders viel Mühe beim Schrei­ben gege­ben.

Das stimmt, doch auch wir schrei­ben ein­an­der Brie­fe. Ja, trotz Sky­pe sind wir da sehr roman­tisch und ver­ste­cken etwa in der Woh­nung des ande­ren klei­ne Lie­bes­brief­chen, die der ande­re dann zwei Mona­te spä­ter fin­det …

CD-Tipp

Rossini! Arien aus Tancredi, Il Barbiere di Sevilla u. a.

Olga Peretyatko (Sopran), Alberto Zedda (Leitung) Sony Classical

Termine

Freitag, 24.02.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Mittwoch, 01.03.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Samstag, 04.03.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Samstag, 11.03.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Freitag, 17.03.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Sonntag, 19.03.2023 18:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Ido­me­neo

Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Ilia), Olga Peretyatko (Elettra), Linard Vrielink (Arbace), Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Simon Rattle (Leitung), David McVicar (Regie)

Dienstag, 21.03.2023 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Puc­ci­ni: Turan­dot

Elena Pankratova (Turandot), Jan Ježek (Altoum), René Pape (Timur), Ivan Magrì (Calaf), Olga Peretyatko (Liù), Gyula Orendt (Ping), Andrés Moreno García (Pang), Siyabonga Maqungo (Pong), Friedrich Hamel (Mandarin), Maxime Pascal (Leitung), Philipp Stölzl (Regie), Christopher Tölle (Choreografie)

Donnerstag, 23.03.2023 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Ido­me­neo

Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Ilia), Olga Peretyatko (Elettra), Linard Vrielink (Arbace), Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Simon Rattle (Leitung), David McVicar (Regie)

Sonntag, 26.03.2023 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Ido­me­neo

Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Ilia), Olga Peretyatko (Elettra), Linard Vrielink (Arbace), Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Simon Rattle (Leitung), David McVicar (Regie)

Dienstag, 28.03.2023 19:00 Uhr Staatsoper Unter den Linden Berlin

Mozart: Ido­me­neo

Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Ilia), Olga Peretyatko (Elettra), Linard Vrielink (Arbace), Staatsopernchor, Staatskapelle Berlin, Simon Rattle (Leitung), David McVicar (Regie)

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