Blind gehört Cornelius Meister

„Das ist sehr schön, warum hört man das nie?“

Der Dirigent Cornelius Meister hört und kommentiert CDs von Kollegen, ohne dass er weiß, wer dirigiert.

© Marco Borggreve

Cornelius Meister

Es läuft rund für Cornelius Meister. Im letzten Jahr trat der gebürtige Hannoveraner seine Stelle als Generalmusikdirektor am Opernhaus Stuttgart an und erhielt für die DVD-Produktion zu Massenets „Werther“. Im Januar dieses Jahres feierte er sein Debüt an der New Yorker Met. Was die aktuelle Musikszene anbelangt, dürfte der 39-jährige Senkrechtstarter nur schwer in Verlegenheit zu bringen sein. Daher wurden ihm beim „Blind gehört“ auch ein paar ältere Aufnahmen vorgespielt, damit es Meister nicht gar so einfach hat.

Mozart: Don Giovanni

MusicAeterna, Teodor Currentzis (Leitung)
Sony Classical 2015

Das scheint eine Interpretation zu sein, die einerseits nicht so sehr von der historischen Aufführungspraxis beeinflusst ist. Andererseits: Wenn ich die Schärfe und das flüssige Tempo nehme – also Karl Böhm ist das auch nicht. Es ist so eine Art dritter, ich möchte sagen: „moderner“ Weg zwischen Böhm und Harnoncourt. Könnte Currentzis sein.

„Das ist sehr schön, warum hört man das nie?“

Schubert: Messe Es-Dur D 950

Chor & Orchester des BR, Carlo Maria Giulini (Leitung)
Sony Classical 1996

Ich habe den Eindruck, dass es in einer sehr schönen Akustik aufgenommen wurde, vielleicht in einer Kirche oder im Wiener Musikvereinssaal. Der Chorklang mischt sich sehr schön mit dem Orchester. Ich denke, dass Chor und Orchester einander vertraut sind oder zumindest häufig zusammen musizieren. Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, sagen Sie? Der Klang, dieses Lichte, sehr Homogene, das scheint ein Dirigent zu sein, der nicht besonders eitel ist, sondern zulässt, wie es sich entwickelt. Giulini, sagen Sie?

Weber: Ouvertüre zu „Der Freischütz“

Staatskapelle Dresden, Carlos Kleiber (Leitung)
Deutsche Grammophon 1973

Interessant! Ich glaube, die Oboe spielt da am Anfang nicht mit. Für die Bläser ist das sehr unangenehm, pianissimo auf dem tiefen C zu spielen. Da gibt es für den Dirigenten drei Möglichkeiten: Man geht das Risiko ein, dass es halt mal nicht anspricht, man fängt mit allen etwas lauter an, oder die Oboen steigen etwas später ein, so wie es mir hier scheint. Aber vielleicht ist da auch ein ganz herausragender Oboist am Werk, der so zart spielt, dass ich ihn gar nicht hören kann. Ich denke, dass es ein europäisches Orchester ist. Sind das die Berliner Philharmoniker? Nein? Am Anfang dachte ich, es könnten auch die Wiener sein, aber dann – mit Klarinette und Horn – eigentlich nicht mehr, da sie in diesem Orchester andere Instrumente verwenden. Es gibt ja die legendäre Aufnahme mit Carlos Kleiber, aber meiner Erinnerung nach ist die bei dieser Stelle „Bah-dadadada“ anders … Es gibt dieses berühmte Video, wo Kleiber probt, und da ist ihm ganz wichtig, dass dieses Motiv so herauskommt (singt), aber so höre ich das hier nicht. Es ist dennoch Kleiber? Dann haben sie es trotzdem nicht so gemacht (lacht)! Kleiber, das sage ich ganz offen, ist für uns Dirigenten ein Vorbild.

„Das ist sehr schön, warum hört man das nie?“

Wagner: Ouvertüre zu „Tannhäuser“

Wiener Philharmoniker, Georg Solti (Leitung)
Deutsche Grammophon 1961/65

„Tannhäuser“. Schwer, dass da am Anfang die Intonation stimmt. Thielemann ist es nicht, der macht das viel leiser, es ist auch kein Bayreuther Grabenklang. Also vermutlich eine Studioaufnahme. Das Tempo gefällt mir auch sehr gut, das hat eine schöne Linie, einen schönen Fluss. Jetzt die Oboe … Entweder ist die Aufnahme schon etwas älter oder es geht in Richtung Wiener Oboe. Ja? Dieser unverkennbare Klang, das ist ein Merkmal der Wiener Philharmoniker. Aber wer ist der Dirigent? Eine Studioaufnahme, sagen Sie? Solti? Ich wusste gar nicht, dass er den „Tannhäuser“ aufgenommen hat. Die Wiener Philharmoniker mit Wagner, da muss man sich einfach nur reinsetzen als Dirigent, das ist ein unglaublicher Genuss. Die haben einen langen Atem wie kaum ein anderes Orchester, nicht nur was den physischen Atem der Bläser und die Bögen der Streicher anbelangt, sondern auch  in dem Sinne, dass sich der einzelne Musiker als Teil einer großen Phrase empfinden kann, selbst wenn er nur ein paar Takte spielt.

Bartók: Konzert für Orchester – 4. Finale

ORF Radio Symphonieorchester Wien, Cornelius Meister (Leitung)
cpo 2013

Dieses fast Volksliedhafte, Urtümliche dieser Musik – wie toll das hier gespielt ist! Es scheint ein sehr gutes Orchester zu sein. Dabei ist der Satz rhythmisch kompliziert, bei manchen anderen Aufnahmen merkt man das angestrengte Zählen der Musiker. Aber hier: alles aus einem Guss. Die Musiker haben sehr genau gelesen, was Bartók wollte. Ich habe das Stück ja auch verschiedentlich aufgenommen. Also, wenn das eine dieser Aufnahmen ist, wäre ich sehr stolz. Das bin ich? Na, dann bin ich erleichtert, dass es so schön rausgekommen ist.

„Das ist sehr schön, warum hört man das nie?“

R. Strauss: Walzerfolge aus „Der Rosenkavalier“

Chicago Symphony Orchestra, Fritz Reiner (Leitung)
RCA 1957

Offensichtlich eine sehr alte Aufnahme … Ich halte es für möglich, dass Richard Strauss das selbst dirigiert – oder jemand, der sehr streng und gerade in seinem Ansatz ist. Nicht? Fünfziger-, Sechzigerjahre? Hm … Das könnte Karl Böhm sein. Auch nicht? (hört weiter) Die Nachschläge sind relativ gleichmäßig gespielt, das ist tatsächlich weiter weg von Wien. Hm, Bernstein? Aber der hat nie den „Rosenkavalier“ dirigiert. Chicago Symphony? Da hab ich eine Bildungslücke, wer war denn da Chefdirigent? Fritz Reiner, sagen Sie? Da muss ich mich vielleicht mal mit beschäftigen.

Dvořák: Klavierkonzert

Pierre-Laurent Aimard, Royal Concertgebouw Orchestra, Nikolaus Harnoncourt (Leitung)
Warner Classics 2003

Ich kenne das Stück nicht. Bei manchen Takten dachte ich an Schumann, aber der hat ja nur ein Klavierkonzert komponiert, und das ist es nicht. Dann dachte ich an Mendelssohn, aber davon bin ich gerade wieder abgekommen. Zwischendrin klang es wie Tschaikowsky, aber die Konzerte kenne ich eigentlich auch alle. Ein großer Sinfoniker, sagen Sie? Dvořák, ach ja … Na, zumindest weiß ich, dass es das Klavierkonzert gibt. Das ist sehr schön, warum hört man das nie? Und wer spielt das? Viele würde ich ausschließen, Kissin oder Argerich etwa. Der Klang ist weder extrem brillant noch besonders dunkel. Aimard? Ach so! Das ist einer der ganz Großen, einer der wenigen, die wirklich eine Verbindung zwischen zeitgenössischer und älterer Musik hergestellt haben. Der Dirigent ist vor kurzem gestorben und Österreicher, sagen Sie? Ein österreichischer Dirigent ist gestorben?! Also Harnoncourt? Ja, da müsste man eigentlich draufkommen! Schön, das hör› ich mir gern nochmal ganz an. Eine Entdeckung.

Bruckner: Sinfonie Nr. 4 – 1. Bewegt, nicht zu schnell

Pittsburgh Symphony Orchestra, Manfred Honeck (Leitung)
FRESH! Reference 2013

Bruckner, vierte Sinfonie! Toll gespielt, toll aufgenommen, das Horn klingt schön weit entfernt. Gefällt mir, dass es recht langsam beginnt, dass man sich erst mal Zeit nimmt für die lange Reise … (hört einige Minuten weiter) Das ist eine interessante Aufnahme! Die Tempi sind recht unterschiedlich, das zweite Thema etwa ist jetzt deutlich fließender. Es sind nicht die Berliner Philharmoniker, das ist hier ein anderes Verständnis von Klang. Wer dirigiert? Vielleicht Jochum oder Wand … Aber Wand wäre strenger im Tempo, der kommt eigentlich nicht infrage. Jochum wäre zwar freier, es würde mich aber wundern, wenn er das zweite Thema so rasch genommen hätte. Die Aufnahme ist neueren Datums? (hört weiter) Also, das sprüht ja vor Einfällen, da gibt es kaum einen Takt, in dem nicht etwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Ein amerikanisches Orchester? Ah, ja … Also, das sind Interpreten, die nicht in diesem Bruckner-Kosmos aufgewachsen sind und deswegen ganz frisch ans Werk gehen können. Der Dirigent ist einer meiner Vorgänger in Stuttgart? Na, dann ist es Manfred Honeck mit dem Pittsburgh. Ich bin überrascht, das hätte ich so nicht von ihm erwartet.

Mahler: Nun will die Sonn› so hell aufgeh’n

Brigitte Fassbaender, Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache (Leitung)
MPhil 1983

Es ist ja die Frage, ob man Mahlers „Kindertotenlieder“ mit Bariton oder Frauenstimme aufführt. Ich dachte eben, ich hätte mehr Lust auf eine männliche Stimme, obwohl die Mezzosopranistin das sehr schön singt. Die Stimme hat eine große Klarheit und wenig Vibrato, könnte also eine nicht ganz so alte Aufnahme sein. Brigitte Fassbaender? Also jetzt, wo Sie’s sagen … Mir geht sehr ans Herz, wie sie ganz tief drin ist in diesem Text und dieser Musik. Es scheint mir kein junger Dirigent zu sein, sondern einer, der sehr lebensreif war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme. Hat er auch Opernerfahrung? Nein? Ein Brucknerdirigent? Celibidache? Ah ja, aber das ist ja nicht sehr langsam, oder? Das scheint mir die einzige Aufnahme von Celibidache zu sein, die ich nicht besonders langsam finde.

Album-Tipp

Martinů: Sinfonien Nr. 1-6

ORF Radio Symphonieorchester Wien Cornelius Meister (Leitung) Capriccio

Termine

Mittwoch, 27.03.2024 19:00 Uhr Staatsoper Stuttgart

R. Strauss: Elektra

Violeta Urmana (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Simone Schneider (Chrysothemis), Cornelius Meister (Leitung), Peter Konwitschny (Regie)

Samstag, 30.03.2024 19:00 Uhr Staatsoper Stuttgart

R. Strauss: Elektra

Violeta Urmana (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Simone Schneider (Chrysothemis), Cornelius Meister (Leitung), Peter Konwitschny (Regie)

Donnerstag, 04.04.2024 20:00 Uhr Heiliggeistkirche Heidelberg

Philharmonisches Orchester Heidelberg, Cornelius Meister

Thorvaldsdóttir: Metacosmos, Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Freitag, 05.04.2024 20:00 Uhr Heiliggeistkirche Heidelberg

Philharmonisches Orchester Heidelberg, Cornelius Meister

Thorvaldsdóttir: Metacosmos, Bruckner: Sinfonie Nr. 9 d-Moll

Montag, 08.04.2024 19:30 Uhr Staatsoper Stuttgart

R. Strauss: Elektra

Violeta Urmana (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Simone Schneider (Chrysothemis), Cornelius Meister (Leitung), Peter Konwitschny (Regie)

Donnerstag, 11.04.2024 19:30 Uhr Staatsoper Stuttgart

R. Strauss: Elektra

Violeta Urmana (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Simone Schneider (Chrysothemis), Cornelius Meister (Leitung), Peter Konwitschny (Regie)

Montag, 15.04.2024 19:30 Uhr Staatsoper Stuttgart

R. Strauss: Elektra

Violeta Urmana (Klytämnestra), Iréne Theorin (Elektra), Simone Schneider (Chrysothemis), Cornelius Meister (Leitung), Peter Konwitschny (Regie)

Sonntag, 05.05.2024 16:00 Uhr Staatsoper Stuttgart

Wagner: Götterdämmerung

Christiane Libor (Brünnhilde), Daniel Kirch (Siegfried), Patrick Zielke (Hagen & Alberich), Shigo Ishino (Gunther), Esther Dierkes (Gutrune), Cornelius Meister (Leitung), Marco Štorman (Regie)

Donnerstag, 09.05.2024 16:00 Uhr Staatsoper Stuttgart

Wagner: Götterdämmerung

Christiane Libor (Brünnhilde), Daniel Kirch (Siegfried), Patrick Zielke (Hagen & Alberich), Shigo Ishino (Gunther), Esther Dierkes (Gutrune), Cornelius Meister (Leitung), Marco Štorman (Regie)

Samstag, 11.05.2024 18:00 Uhr Staatsoper Stuttgart

Weill: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (Premiere)

Elmar Gilbertsson (Fatty), Joshua Bloom (Dreieinigkeitsmoses), Ida Ränzlöv (Jenny), Cornelius Meister (Leitung), Ulrike Schwab (Regie)

Rezensionen

Rezension Cornelius Meister – Henze: Das Floß der Medusa

Packend

„Das Floß der Medusa“ unter Cornelius Meister bildet einen weiteren Höhepunkt im Henze-Zyklus von Capriccio. weiter

CD-Rezension Cornelius Meister – Weinberger: Wallenstein

Tönende Historienmalerei

Sattes musikalisches Geschichtspanorama: Jaromír Weinbergers „Wallenstein“ ist eine der letzten tonal durchkomponierten großen Opern weiter

CD-Rezension Cornelius Meister – Weinberg und Kabalewski

Produktive Gegensätze

Das aktuelle CD-Projekt von Cornelius Meister und dem ORF Radio-Symphonieorchester vereint zwei Komponistenpersönlichkeiten weiter

Kommentare sind geschlossen.