Interview Anja Harteros

„Ich freue mich auf die Zeit nach dem Sin­gen“

Der Jahrhundertsopran: Wer von Anja Harteros spricht, gerät wie von selbst ins Schwärmen. Doch die Kammersängerin sieht sich einfach als Mensch – mit Fehlern

© Marco Borggreve/Sony BMG Masterworks

Anja Harteros

Opern­fans ver­eh­ren sie, ja, lie­gen ihr zu Füßen. Und Kri­ti­ker schwel­gen in Super­la­ti­ven: Anja Har­te­ros sei die Opern­kö­ni­gin – ihre Stim­me gehe zu Her­zen – ihren wun­der­bar war­men und wei­chen Sopran las­se sie auf end­lo­sem Atem durch die Par­ti­tur strö­men. Und in der Tat adelt sie Opern­fi­gu­ren mit ihrer Aus­nah­me­stim­me und Büh­nen­prä­senz. Bei den Münch­ner Opern­fest­spie­len gibt die gro­ße Sän­ge­rin, die sich eine ange­neh­me Beschei­den­heit bewahrt hat und mit der „Diven­cho­se“ so gar nichts anfan­gen kann, nun in einer Para­de­rol­le ihr Debüt: der Ara­bel­la.

Die Ara­bel­la und die Mar­schal­lin von Strauss oder Ver­dis gro­ße Sopran­par­tien sin­gen Sie der­zeit nahe­zu kon­kur­renz­los. Haben Sie als Stu­den­tin von einer sol­chen Kar­rie­re geträumt?

Anja Har­te­ros: Oh, vie­len herz­li­chen Dank für das schö­ne Lob! Nein, ich habe nie von solch einer Kar­rie­re geträumt. Ich habe mir eigent­lich nie Gedan­ken gemacht, wie alles lau­fen soll­te. Nur woll­te ich immer eine gewis­se Qua­li­tät errei­chen, und dazu muss man eben auch mit den beson­ders guten Kol­le­gen unter den guten zusam­men­ar­bei­ten dür­fen – und das hat mich immer ange­trie­ben. Ich woll­te mich wei­ter­ent­wi­ckeln, die Musik erfül­len kön­nen.

Nun hängt solch eine Erfül­lung ja bei einer Sän­ge­rin nicht allein von Ihnen ab – wie wich­tig ist Ihnen ein Diri­gent, der sein Orches­ter „erzieht“?

Har­te­ros: Sehr wich­tig! Das Pro­blem ist wohl auch, dass die Klang­ge­wohn­heit uns vie­le unge­sun­de Eigen­hei­ten erlaubt, weil wir leicht in den Glau­ben ver­fal­len, dass gewis­se Unar­ten Aus­druck sei­en. Ich den­ke auch, die viel­be­schwo­re­ne Ita­lia­ni­tà ist eher ein Mythos als real. Natür­lich passt nicht jede Stimm­far­be in die Musik von Ver­di, aber das gilt für Mozart eben­so, wie auch für jeden ande­ren Kom­po­nis­ten. Zudem wird gern Laut­stär­ke mit Tem­pe­ra­ment ver­wech­selt und behä­bi­ge Stim­men wie auch beson­ders lang­sa­me Tem­pi mit Ita­lia­ni­tà. Für mich wesent­lich ist ein gesun­der Gefühls­haus­halt, der die Mischung zwi­schen der Anfor­de­rung rein tech­ni­scher Art und der rela­tiv direk­ten Emo­ti­on bei Ver­di aus­ba­lan­cie­ren kann.

Vor kur­zem haben Sie in Rom Ver­dis „Aida“ erst­mals gesun­gen – für eine Live-CD-Pro­duk­ti­on. Wann folgt das sze­ni­sche Debüt?

Har­te­ros: Eigent­lich hat­te ich ent­schie­den, die Rol­le gar nicht zu sin­gen – das war lan­ge vor der Auf­nah­me – und hat­te mich dar­um auch nicht wei­ter damit beschäf­tigt. Die­se Rol­le ist ja so behaf­tet mit Kli­schees wie kaum eine ande­re – viel­leicht ähn­lich wie bei Nor­ma oder Tos­ca; aber das sagt ja nichts über die Rol­len selbst aus. Ich mag halt nur nicht die­se vor­ur­teils­be­haf­te­te Diven­cho­se, denn mal ganz ehr­lich, es gibt auch ande­re schwie­ri­ge Rol­len. Wenn ich über­haupt über eine sze­ni­sche Pro­duk­ti­on nach­den­ken wür­de, wäre neben mei­ner eige­nen Ver­fas­sung der Diri­gent ein ent­schei­den­der Fak­tor – und ger­ne näh­me ich dann auch ein akus­tisch vor­teil­haf­tes Büh­nen­bild.

Haben sich hin­sicht­lich die­ser Rol­le die Geschmä­cker ver­än­dert? Einst san­gen eine Cal­las oder Tebal­di die Aida und gal­ten als Refe­renz, bevor sich dann in den 70er und 80er Jah­ren erst­mals Sopran-Lyri­ke­rin­nen an die äthio­pi­sche Prin­zes­sin gewagt haben.

Har­te­ros: Wir mei­nen heu­te oft, rich­tig sei, wie in den 50er und 60er Jah­ren gesun­gen wur­de, und wol­len es genau so hören – und viel­leicht auch sehen. Aber ich glau­be, auch das ist in gewis­ser Wei­se ein Irr­tum, denn Ver­di hat zu die­ser Zeit ja auch nicht mehr gelebt, man konn­te ihn also damals nicht mehr fra­gen. Ich weiß nicht, ob man tat­säch­lich eine Linie sehen kann: Dafür müss­te man wohl nicht nur die­se Refe­renz­sän­ge­rin­nen betrach­ten, die ich alle sehr bewun­de­re und ver­eh­re, kein Zwei­fel – den­noch gab es ja doch schon sehr vie­le Inter­pre­tin­nen die­ser Rol­le. Und ver­ges­sen wir auch nicht die Beweg­grün­de einer Sän­ge­rin, eine Rol­le ins Reper­toire auf- zuneh­men: Nicht immer geht es da um die Inter­pre­ta­ti­on der Rol­le, son­dern oft auch um die eige­ne Selbst­dar­stel­lung und die Eta­blie­rung in einem bestimm­ten Bereich der öffent­li­chen Wahr­neh­mung.

Für letz­te­re könn­ten Sie die „ewi­ge Elsa“ sein und sich gleich­sam dem geruh­sa­men Künst­ler-Jet­set zwi­schen Mün­chen und Mai­land hin­ge­ben. Was treibt Sie an, trotz­dem immer wie­der neue Gren­zen aus­zu­lo­ten?

Har­te­ros: Ich habe die Elsa sehr ger­ne gesun­gen, aber ich habe ent­schie­den, sie nicht über Gebühr oft zu sin­gen. War­um? Elsa ist eine Rol­le mit unver­gleich­li­chem Zau­ber. Die­ser Zau­ber muss zwangs­läu­fig ver­lo­ren gehen im rou­ti­ne­mä­ßi­gen Betrieb. Das ist bei kei­ner ande­ren Par­tie so wie bei die­ser. Und ich habe mit ihr etwas Ein­ma­li­ges erle­ben dür­fen, was sich wohl nicht wie­der­ho­len lässt, das ist inner­lich gesche­hen, gehört aber der Ver­gan­gen­heit an. Grund­sätz­lich aber könn­te ich es natür­lich leich­ter haben und auch mehr Geld ver­die­nen, wenn ich mich auf bereits erar­bei­te­te Par­tien beschrän­ken wür­de: Also Elsa rauf und run­ter. Doch ich glau­be ein­fach, mein Weg ist noch nicht ganz zu Ende ...

Neh­men wir an, Sie erhal­ten par­al­le­le Anfra­gen für zwei Pre­mie­ren zur sel­ben Zeit. Wie ent­schei­den Sie sich: für die Pro­duk­ti­on mit dem Traum-Regis­seur oder für jene mit dem Traum-Diri­gen­ten?

Har­te­ros: Für den Traum-Diri­gen­ten, weil ein Opern­be­such mit Ohr­stöp­seln weni­ger emp­feh­lens­wert ist als mit Augen­klap­pe.

In den letz­ten Jah­ren wur­de viel und kon­tro­vers über das Regie­thea­ter dis­ku­tiert. Wo sehen Sie die Zukunft der Oper?

Har­te­ros: Ich glau­be, man soll­te sich einen nai­ven Zugang zum Werk trau­en, auch wenn wir ja schon mei­nen, alles zu wis­sen und zu ken­nen: Die Wer­ke sind eben nicht neu. Ich den­ke, es wer­den bald mehr Opern kom­po­niert wer­den, ande­re, neue. Obwohl ich oft genervt bin durch das vie­le Fal­sche, was regie­mä­ßig gemacht wird, kann man die Zeit ja doch nicht zurück­dre­hen – und es wäre auch schreck­lich, wenn man so gar nichts Neu­es zu sehen und zu tun bekä­me. Aber ich fra­ge mich oft nach dem Recht, wel­ches uns eigent­lich gestat­tet, den Anwei­sun­gen des Kom­po­nis­ten zu trot­zen – und oft bin ich auch nicht gewillt, wis­sent­lich Fal­sches zu ler­nen.

Opern­freun­de spre­chen gern davon, durch Gesang berührt zu wer­den: Das höchs­te der Gefüh­le ist die oft beschrie­be­ne Gän­se­haut. Bleibt die Fra­ge: Wie ent­steht solch eine Emo­ti­on beim Sin­gen?

Har­te­ros: Ich den­ke, das geschieht men­tal, teil­wei­se unbe­wusst, die Phan­ta­sie macht das – und dafür ist jeder selbst zustän­dig. Sie kann aber eben inspi­riert wer­den durch die Aus­füh­rung der Musik und ihre direk­te Wir­kung – doch für die­se braucht es eine Bereit­schaft. Als Sän­ge­rin muss ich also unbe­dingt visio­när gestal­ten, ver­su­chen, eine Art Magie her­zu­stel­len, damit das Publi­kum davon viel­leicht etwas spürt.

Ein­her damit geht im You­Tube- Zeit­al­ter der dra­ma­tisch gestie­ge­ne Erwar­tungs­druck, nur kei­ne Feh­ler zu machen – wie begeg­nen Sie die­sem?

Har­te­ros: Es ist schon unan­ge­nehm, wenn man befürch­ten muss, pein­li­che Momen­te doku­men­tiert zu wis­sen. Aber, mein Gott, wir sind Men­schen und Feh­ler gehö­ren ein­fach dazu – und vie­le sind ja auch recht lus­tig! Ich den­ke, man muss auch über sich selbst lachen kön­nen und Vie­les nicht gar so ernst neh­men. Eigent­lich gehört man eh erst auf die Büh­ne, wenn man die Fähig­keit hat, sich auch mal schlecht zu prä­sen­tie­ren: Davon geht die Welt ja nicht unter. Es gibt natür­lich ganz schreck­lich ver­bohr­te Men­schen, die mei­nen, anonym im Inter­net bos­haf­te Kom­men­ta­re abge­ben zu müs­sen, egal ob nun ein pein­li­cher oder ein guter Moment doku­men­tiert ist, aber die sagen damit ja nur etwas über sich selbst aus.

Bei den Pri­ma­don­nen der Ver­gan­gen­heit setz­te sich das „Sän­ger-Sein“ im Pri­va­ten fort, mit zum Teil schlim­men Fol­gen wie bei Maria Cal­las. Tren­nen Sie Kunst und Leben?

Har­te­ros: Ein Sän­ger ist auch nur ein Mensch. Den­noch glau­be ich nicht, dass sich die Kunst vom Leben tren­nen lässt, oder das Leben von der Kunst: Das wür­de alles doch sehr banal wer­den las­sen. Aber ich muss ja nicht mein Leben lang aktiv sin­gen, denn das erfor­dert schon eini­ge Ein­schrän­kun­gen – und ich freue mich auf die Zeit, die nach­her kommt.

CD-Tipp

Termine

Donnerstag, 06.04.2023 17:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

Montag, 10.04.2023 16:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

Samstag, 15.04.2023 17:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

Mittwoch, 26.04.2023 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Anja Har­te­ros, Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker, Tho­mas Gug­geis

Wagner: Vorspiel zu Tristan und Isolde, R. Strauss: Ausgewählte Orchesterlieder, Bartók: Concerto

Donnerstag, 27.04.2023 20:00 Uhr Isarphilharmonie München

Anja Har­te­ros, Münch­ner Phil­har­mo­ni­ker, Tho­mas Gug­geis

Wagner: Vorspiel zu Tristan und Isolde, R. Strauss: Ausgewählte Orchesterlieder, Bartók: Concerto

Dienstag, 27.06.2023 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Ver­di: Otel­lo

Münchner Opernfestspiele
Freitag, 30.06.2023 19:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Ver­di: Otel­lo

Münchner Opernfestspiele
Freitag, 21.07.2023 17:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

Montag, 24.07.2023 17:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

Samstag, 29.07.2023 16:00 Uhr Bayerische Staatsoper

Wag­ner: Tris­tan und Isol­de

Stuart Skelton (Tristan), René Pape (König Marke), Anja Harteros (Isolde), Iain Paterson (Kurwenal), Sean Michael Plumb (Melot), Claude Bardouil (Choreografie), Juraj Valcuha (Leitung), Krzysztof Warlikowski (Regie)

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