Es sei „ein psychologisches Rätsel, wie dieser sanfteste und friedfertigste aller Menschen im Moment des Komponierens zum Anarchisten wird“, mokierte sich der Musikkritiker Eduard Hanslick 1885 über Anton Bruckner. Nun war Hanslick damals ein erklärter Gegner des oberösterreichischen Sinfonikers, doch auch heute noch sind interessierte Zuhörer und Bruckner-Liebhaber mit Rätseln und Zerrbildern konfrontiert, wenn es um die Vorstellung des Menschen hinter dem Komponisten, um die Motivationskräfte, Entstehungsumstände und Intentionen seiner Sinfonien, ja generell um die (Un-)Vereinbarkeit von Person und Werk geht. Dirigent Markus Poschner und Dramaturg Jan David Schmitz schaffen mit ihren „Bruckner-Befragungen“ Abhilfe. In elf äußerst kenntnis- und quellenreichen, bisweilen philosophischen Gesprächen durchleuchten sie die Sinfonien aus praktischer und theoretischer Perspektive. Dabei zeigen die beiden Spezialisten keineswegs nur auf das 19. Jahrhundert beschränkte musik- und zeithistorische Verbindungslinien auf, sondern verorten den Komponisten wo immer möglich im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges, nachdenkliches und ungemein motivierendes Bild des „großen Unbekannten“ und zugleich ein Plädoyer dafür, Bruckners sinfonischem Œuvre unvoreingenommen und ganzheitlich zu begegnen. Den einzelnen Kapiteln sind kurze Bildbetrachtungen von Porträts, signifikanten Orten und Gemälden vorangestellt. Eine kommentierte Diskografie rundet den Band ab.

Bruckner-Befragungen. Gespräche über die elf Sinfonien
Markus Poschner & Jan David Schmitz
Metzler/Bärenreiter, 292 Seiten
29,99 Euro






