Interview Mathias Richling

„Ich komponiere Programme“

Dass klassische Musik und Kabarett viele Gemeinsamkeiten haben, davon ist Comedian Mathias Richling überzeugt.

© Büro MR

Mathias Richling gestaltet in Berlin-Steglitz mit dem Ensemble 4 Cellos einen Konzertabend zwischen Bach, Batles und Metallica

Mathias Richling gestaltet in Berlin-Steglitz mit dem Ensemble 4 Cellos einen Konzertabend zwischen Bach, Batles und Metallica

Warum passen klassische Musik und Kabarett so gut zusammen?

Mathias Richling: Für mich passt beides schon formal hervorragend zusammen, weil auch ich mich bemühe, einen Text oder ein ganzes Programm nach den Gesetzmäßigkeiten und Spannungsvorlagen einer Sinfonie oder einer Sonate zu komponieren. Außerdem erhöht klassische Musik laut Forschern der Universität von Helsinki die Aktivität der Zellen, was das Lern-und Erinnerungsvermögen verbessert. Kann man die Wirkung von Kabarett besser beschreiben?

Wie sind Ihre Kindheitserinnerungen an klassische Musik? Sie gehören ja zur Generation Blockflöte.

Richling: Zur Blockflöte wurde ich von den Eltern nicht gezwungen. Und leider auch nicht zum Klavier. Dadurch begann ich erst mit sechzehn Jahren Klavier zu spielen. Und so scheiterte ich mit meinem Wunsch, Dirigent zu werden, wofür man ja mindestens ein Instrument sehr gut beherrschen sollte. Neben den vielen anderen Studienfächern habe ich dann wenigstens auch Musikwissenschaft belegt. Ich plädiere jetzt nicht dafür, Kinder zu irgendeinem Instrument zu zwingen. Gleichwohl denke ich aber, dass man die Begeisterung für klassische Musik erlernen kann. Mit fünfzehn Jahren bekam ich von meiner Mutter ein Theater- und Konzert-Abonnement geschenkt. Bei meinem ersten Besuch standen meiner Erinnerung nach Sinfonien von Beethoven auf dem Programm. Damit konnte ich nicht so viel anfangen. Beim zweiten Konzert steigerte sich mein Interesse aber schon beträchtlich.

Haben Sie während Ihres Studiums der Musikwissenschaft etwas Substanzielles gelernt?

Richling: Das Studium der Musikwissenschaft ist nicht mit einem Musikstudium zu vergleichen. Ich habe es das Fach als Ersatzbefriedigung gewählt, weil es zum Studium der Musik nicht gereicht hätte. Deswegen hatte ich nicht die hohen Erwartungen daran. Ich habe aber gelernt, dass man eine Interpretation nicht überstrapazieren soll, was übrigens auch für die Literatur und alle anderen Künste gilt. Wenn man ein Musikstück analysiert, verliert sich dessen Reiz, hat der Literaturwissenschaftler Hans Mayer einmal sinngemäß gesagt. Und das stimmt! Es gibt tatsächlich ein paar Studenten, die über meine Texte ihre Magister- oder Doktorarbeit geschrieben haben. Das ist sehr freundlich. Aber wenn ich lese, warum ich was wie geschrieben haben soll, erschrecke ich fast, weil ich nicht so analytisch vorgehe, wie es mir als Literaturwissenschaftler gerne unterstellt wird. Hätte ich es tatsächlich so gemacht, dann hätten die Texte keine Seele gehabt! Sie wären eben zu analytisch.

Dennoch hat sie das Studium der Musikwissenschaft sehr inspiriert.

Richling: Es hat mein Repertoire erweitert und meine Arbeit als solche beeinflusst. Wie schon gesagt: Ich komponiere Programme. Wenn ich nur improvisieren würde, wäre das endlos und die Struktur würde fehlen.

Sie treten zum Beispiel mit dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin in einem Kabarett-Format auf mit dem Titel „Die Kunst der Unfuge“. Welche Komponisten der Klassik haben das meiste Potenzial für Unfug?

Richling: Bei Mozart finden wir eine Fülle hoch komischer, musikalischer Einfälle, oft bereits in der Betitelung der Werke. Auch bei Beethoven, wenn wir an die „Wut über den verlorenen Groschen“ denken oder die außerordentlich komische Sonatine für Mandoline und Cembalo. Aber auch bei Erik Satie, der allein mit seinen schrägen Anweisungen wie „vergraben Sie den Ton in Ihrer Magengrube“ und Betitelungen wie „Drei Stücke(n) in Form einer Birne für 4-händiges Klavier“ oder karikierenden Musikstücken für meisterhaften „Unfug“ gesorgt hat.

Wie erleben Sie denn zur Zeit Ihre eigenen Veranstaltungen? Das Publikum ist ja noch nicht wieder „zurück“ wie vor der Pandemie…

Richling: Es ist nicht die Zeit, um Geld zu verdienen. Ich spiele auch für sehr wenige Leute. Wenn die Menschen, die kommen und mich und das Kulturleben so unterstützen wollen, hat man auch die Pflicht, selbst hinzugehen. Ich habe es immer befürwortet, wenn Theater aufgemacht und auch vor wenigen Leuten gespielt haben. Denn wenn das Angebot eingestellt würde, kommen auch keine Menschen zurück, die das Angebot in Anspruch nehmen würden.

Wie erleben Sie insgesamt die Rückkehr des Publikums auch als Konzertgänger?

Richling: Das Publikum reagiert in den verschiedenen Genres sehr unterschiedlich und auch insgesamt ambivalent. Erst blieben viele Zuschauer weg mit der Begründung, „Maske im Theater zu tragen sei eine Zumutung, das könne man nicht von ihnen verlangen“. Nun bleiben sie weg mit der Begründung, „keine Maske im Theater zu tragen sei eine Zumutung, das könne man nicht von ihnen verlangen“. Kein Wunder, denn die Menschen sind verunsichert. Es hängt auch davon ab, was die Zeitungen auf Seite 1 schreiben und ob die Politiker uns mit Angst versorgen. Ich klage das auch in meinem Programm an. Wie kann man jetzt schon Horrorszenarien für den Winter ausmalen! Die Angst, dass etwas schlimm werden könnte, ist doch viel größer, als die Angst, wenn man mittendrin ist in dem Schlimmen. Leider ist auch die Bequemlichkeit durch die digitalen Angebote gestiegen. Arbeitend wie auch kulturgenießend bleiben viele jetzt gerne zu Hause. Auffällig ist dabei, dass in Schauspiel und Kabarett die Theater oft nur halb besetzt sind, Opernhäuser jedoch meistens bis auf den letzten Platz ausgebucht. Ein befreundeter Opern-Direktor gab mir die Erklärung dafür: Opernliebhaber hätten keine Angst vor dem Tod.

Was hören Sie persönlich am liebsten: Klassik im Konzertsaal, große Oper oder intime Kammermusik?

Richling: Ja, genau das. In dieser Reihenfolge.

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