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Blind gehört Martin Lehmann

„So schön, dass ich heulen könnte“

Martin Lehmann hört und kommentiert Aufnahmen von Kollegen, ohne dass er weiß, wer singt.

vonHelge Birkelbach,

Seine Knaben vom Dresdner Kreuzchor haben gerade Pause, als Martin Lehmann den zur Chorgarderobe umfunktionierten Musikclub im Konzerthaus Berlin betritt. Auf den Tischen stehen Mineralwasserflaschen, auf den Stühlen liegen Noten, darunter warten die schwarzen, sauber geputzten Schuhe auf den Auftritt. Wir setzen uns ans Fenster, das den Blick auf den südlichen Teil des frisch sanierten Gendarmenmarkts freigibt.

Schütz: Psalm 100 SWV 493

Knabenchor Hannover, London Baroque, Heinz Hennig (Leitung). Erato 1985

Das ist auf jeden Fall ein Knabenchor mit Alter Musik. Wirklich schön. Ich tippe mal auf den Knabenchor Hannover. Ja? Er wird seit über 20 Jahren von Jörg Breiding geleitet, aber diese Aufnahme scheint älter zu sein. 1985, und Heinz Hennig hat die Leitung? Ja, der war wirklich sehr umtriebig und hat den Chor gut in Schuss gehalten. Es ist ja kein Internatsknabenchor, deshalb ist es umso schöner, was Hennig da rausgeholt hat. Bezüglich der Abmischung gibt es gewiss differenziertere Aufnahmen, aber das ist schon toll. Aber was hören wir? Schütz ist es, glaube ich, nicht. Doch? Okay. Die Knaben geraten etwas ins Forcieren, weil sie von den Männerstimmen hinten quasi erdrückt werden. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Heute würde man sich Schütz vielleicht anders nähern, aber es ist in jedem Fall eine gelungene Interpretation.

Tallis: Spem in alium

Tavener Consort & Players, Andrew Parrott (Leitung). Erato 2003

Ein englischer Chor mit englischem Repertoire. Eine Motette von Thomas Tallis, würde ich sagen. Der Text ist etwas schwierig zu verstehen. Dürfte ich den Anfang noch mal hören? Ich liebe es, wenn sich die Countertenöre und vor allem die tiefen Bässe in diesem typisch englischen runden Klang bewegen. England und Deutschland haben eine komplett andere Chortradition. Die drei Männerstimmlagen werden in England durch Profis abgedeckt, entsprechend klein sind die Chöre. Wir reden von höchstens 30 Sängern. Bei unseren Chören dagegen haben wir etwa 100 Mitglieder aufwärts, aktuell singen etwa 140 Jungs im Dresdner Kreuzchor. Bei uns in Deutschland speisen sich die Männerstimmen aus den jungen Sängern, die bis zum Abitur dabei sind, also keine Profis wie in der anglikanischen Singtradition. Nochmal zur Aufnahme: Hören wir den King’s College Choir? Den schätze ich nämlich sehr. Nicht? Der Taverner Consort und Chor macht das gut. Sehr rundes Klangbild, wie gesagt.

Gabrieli: Benedixisti, Domine

Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger (Leitung). DG 1980

Katholisches Repertoire für einen reinen Knabenchor, eventuell von Orlando di Lasso oder Palestrina. Vermutlich liege ich mit dem Komponisten falsch, aber was man hört, ist ein Tempo, das für eine große Kirche gewählt wurde. Ich lege mich fest: die Regensburger Domspatzen. Das ist ein sehr ruhiger Fluss, man wünscht sich jedoch eine Spur mehr Bewegtheit. Trotzdem schön, wie sie das dynamisch gestalten und mit der Phrasierung aufbauen und wieder zurücknehmen. Das spricht für Georg Ratzinger als Leiter. Es ist schon interessant, wie verschiedene Chorleiter ihre jeweiligen Jahrzehnte prägten. Es war Ratzingers Markenzeichen, wie er Knabenchöre ziemlich bruststimmig eingestellt hat und mit massivem Vibrato arbeitete. Ledrig statt seidig. Durch die historische Aufführungspraxis ist man mittlerweile davon weggekommen, hin zu einem reineren oder ätherischeren Chorklang, der sich gut mit historischen Instrumenten mischt.

Album Cover für J. S. Bach: Osteroratorium BWV 249

J. S. Bach: Osteroratorium BWV 249

Ilse Eerens (Sopran), Michael Chance (Altus), Markus Schäfer (Tenor), David Wilson-Johnson (Bass), Pieter-Jan Belder (Orgel), Capella Amsterdam, Orchestra of the Eighteenth Century, Frans Brüggen (Leitung). note1 2012

Ganz klar Bach, eine Kantate aus dem Osteroratorium, gemischter Chor. Vielleicht ein niederländisches Ensemble unter Ton Koopman? Gut, die Blickrichtung stimmt schon mal. Frans Brüggen und die Cappella Amsterdam? Da wäre ich nie draufgekommen. Das ist ganz großartig! Gerade die Sprachbehandlung finde ich richtig gut. Das ist echt und mit Originalinstrumenten auch schön musiziert. Es ist sowieso fantastisch, was die Niederländer machen und wie sie mit ihren zahlreichen spezialisierten Ensembles alle auf extrem hohem Niveau musizieren. Und sie lieben Bach. Die Matthäus-Passion ist beispielsweise dort so populär, dass sie es in einer Spielzeit mitunter auf 30 Aufführungen allein in Amsterdam schafft. Bei uns in Dresden wechseln wir seit Kurzem jährlich zwischen Johannes- und Matthäus-Passion.

Mozart: Krönungsmesse C-Dur KV 317

Rundfunkchor Leipzig, Staatskapelle Dresden, Peter Schreier (Leitung). Philips 1993

Eine Messe von Haydn? Ach so, Mozart. Das hätte ich erkennen müssen. Also gemischter Chor, klar. Den würde ich in Wien verorten. Nicht? Der Rundfunkchor Leipzig und die Staatskapelle Dresden? Da bin ich ja zu 50 Prozent bei uns in der Heimat! Man sagt ja immer, dass die Dresdner und die Wiener spielkulturell viel miteinander zu tun haben. Schön musiziert, der Orchesterklang gefällt mir ausgesprochen gut. Auch gut ist die Behandlung des Tempos. Nicht überhetzt, man nimmt sich Zeit, das auszuspielen.

Schubert: Deutsche Messe F-Dur

Tölzer Knabenchor, Gerhard Schmidt-Gaden (Leitung). Acanta 1974

Franz Schubert, das Sanctus aus der „Deutschen Messe“. Welcher Knabenchor könnte das sein? Ein katholischer? Die Augsburger, die Windsbacher, oder noch mal die Regensburger? Nee, kann nicht sein. Der Tölzer Knabenchor? An den dachte ich jetzt nicht. Dieser Chor hat keinen kirchlichen Träger wie die anderen Genannten, die örtlich leicht zuzuordnen wären. Der Tölzer Knabenchor wird als GmbH geführt und ist sehr stark ein Familienunternehmen der Familie Schmidt-Gaden. Und Gerhard Schmidt-Gaden leitet hier den Chor. Mit ihm verbindet mich eine persönliche Geschichte. Ich habe bis 2022 den Windsbacher Knabenchor geleitet. Einer unserer letzten gemeinsamen Auftritte führte uns zum jährlichen Knabenchor-Festival nach Bad Tölz. Wir waren durch Corona personell extrem reduziert und haben mit reiner Willensstärke unser Programm geschultert. Was soll ich sagen? Die Jungs haben fantastisch gesungen. Ich war äußerst gespannt, was der Gründervater dazu sagen würde. Denn die Tölzer und die Windsbacher haben verschiedene Konzepte: Solostimmen im Chor versus Chor-Homogenität ohne solistische Erziehung. Gerhard Schmidt-Gaden kam also auf mich zu – und erdrückte mich fast: „So muss ein Knabenchor klingen!“, sagte er beherzt. Das hat mich beeindruckt.

Album Cover für Homilius: Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet

Homilius: Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet

Dresdner Kreuzchor, Dresdner Barockorchester, Roderich Kreile (Leitung). Carus 2005

Sie geben mir heute schwere Aufgaben. Also, es ist differenziert musiziert, und das auf sehr hohem Niveau. Ich bin beeindruckt. Die Instrumentengruppen sind gut abgemischt. Der Chor klingt auch in der Höhe frei, er spricht sozusagen. Das ist bisher einer meiner Favoriten der Auswahl. Aber wen hören wir da? Einer meiner Vorgänger leitet Chor und Orchester? Es könnte Roderich Kreile sein, mit dem Kreuzchor. Aber von wem stammt diese Kantate? Da stehe ich echt auf dem Schlauch. Ist das die CD mit Johann Adolph Hasse und Jan Dismas Zelenka? Nein, sicherlich nicht: Roderich Kreile hätte was Lateinisches gemacht. Was käme noch in Frage? Ein ganzes Album mit Gottfried August Homilius? Sogar eine Doppel-CD? Das ist wunderbar, schön lebhaft musiziert. Absolutes Kompliment!

Album Cover für Poulenc: Gloria

Poulenc: Gloria

Dresdner Kreuzchor, Dresdner Philharmonie, Martin Lehmann (Leitung). Berlin Classics 2025

Poulencs Gloria, das ist so wunderbare Musik! Ich bin sehr froh, dass ich mit dem Kreuzchor bereits im zweiten Jahr nach meinem Antritt diese Aufnahme machen konnte. Und wir konnten bei der Einspielung mit hervorragenden Solisten zusammenarbeiten. Das Werk besteht aus sechs Miniaturen. Von höchster Energie bis zu ganz elegischen und tiefsensiblen Phasen ist alles drin. Als Komponist hat Francis Poulenc für das 20. Jahrhundert eine dermaßen eigene charakteristische Klangsprache entwickelt, dass man ihn schon nach wenigen Akkorden sofort erkennt. Aus meiner Sicht wird er viel zu selten gespielt.

Album Cover für Brahms: Ein deutsches Requiem – 4. Wie lieblich sind deine Wohnungen

Brahms: Ein deutsches Requiem – 4. Wie lieblich sind deine Wohnungen

Rundfunkchor Berlin, Berliner Philharmoniker, Simon Rattle (Leitung). EMI 2007

Das Requiem von Brahms, vierter Satz: „Wie lieblich sind deine Wohnungen“. Klar, schwerste Arbeit für den Chor. Ich würde spontan auf eine Interpretation von Philippe Herreweghe tippen. Sir Simon Rattle dürfte es nicht sein. Doch? Die Berliner Philharmoniker sind hervorragend, das passt. Ich hätte jetzt erwartet, dass der Rundfunkchor Berlin größer klingt, aber er ist ganz fein geführt. Die Musik hat eine wirklich schöne Ruhe und ist vor allen Dingen schlank und kantabel geführt. Das gefällt mir bei dieser Aufnahme besonders gut. Interessant ist übrigens, wie die Tempi beim Requiem ganz unterschiedlich interpretiert werden. Hier ist es echt schlüssig gelöst. Brahms hat sich ja geweigert, klare Metronomzahlen anzugeben. Er sagte: Heute spielst du es so, morgen so. Du wirst es unterschiedlich empfinden und das ist gut so.

Allegri: Miserere

King’s College Choir, Steven Cleobury (Leitung). Decca 1998

Das ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke, Allegris Miserere. Ein englischer Knabenchor singt. Ich lege mich mal fest: Es ist der King’s College Choir. Ich war kurz am Zweifeln, denn man hat ein relativ ruhiges Tempo gewählt, gerade bei diesen syllabischen Teilen, also den silbenweise auskomponierten Passagen, wo es eigentlich mehr fließen könnte. Aber wenn die Stimmen aufs hohe C gehen, das ist einfach immens. So schön, dass ich heulen könnte. Die führen das Stück natürlich in ihrem Repertoire, das wird jedes Jahr in der Passionszeit gegeben. Ich hatte 2014 das große Glück, genau in dieser Woche in England zu sein und sie zu hören. Das Niveau ist enorm, denn die Jungs wetteifern unter sich und schaukeln sich gegenseitig hoch. Die King’s zählen bei uns zu den ganz großen Vorbildern. Darf ich mal das CD-Cover sehen? Ja, da sind alle ihre Hits drauf. Sehr schön.

Haydn: Die Schöpfung

Simone Kermes (Gabriel), Dorothee Mields (Eva), Steve Davislim (Uriel), Johannes Mannov (Raphael), Locky Chung (Adam), Balthasar-Neumann-Chor, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock (Leitung). Deutsche Harmoia Mundi 2002

Ziemlich sicher die „Die Schöpfung“ von Haydn. Ich würde jetzt nicht auf einen der großen Rundfunkchöre tippen. Klingt sehr kammermusikalisch, der RIAS Kammerchor vielleicht. Nein? Also der Balthasar-Neumann-Chor. Eigentlich sehr schön. Es hat ein gutes Tempo, es ist auch nicht zu rasch. Fröhlich-frei musiziert, der Chor kommt gut hinterher. Das ist bei den Schlusskoloraturen durchaus ein Thema, nicht wahr? Die Solisten haben zu viert eigentlich nie das Thema, dass sie die Koloratur nicht schaffen, aber eine ganze Stimmgruppe zusammenzuhalten ist schon schwierig. Ich fand das ausgewogen, wie Thomas Hengelbrock das macht. Zu Studienzeiten habe ich viele Aufnahmen von ihm gehört und auch live verfolgt. Sein Engagement für den Originalklang ist bedeutend und bis heute ungebrochen.

Aktuelles Album:

Album Cover für Helbig: Requiem A

Helbig: Requiem A

René Pape (Bass), Dresdner Kreuzchor, Staatskapelle Dresden, Martin Lehmann (Leitung). DG

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