Interview Dan Brown

„Ich habe geheime Kodes in der Musik versteckt“

Bestsellerautor Dan Brown, der mit Thrillern wie „Illuminati“, „Sakrileg“ oder „Diabolus“ seine Fans in Atmen hält, zieht eine doppelte Überraschung aus dem Hut: Zu seinem ersten Kinderbuch „Eine wilde Symphonie“ komponierte er selbst die Musik.

© Dan Courter

Dan Brown

Dan Brown

Mr. Brown, als Thrillerautor kennt Sie fast jeder. Wie kamen Sie auf die Idee, ein interaktives Kinderbuch zu schreiben und dazu selbst die Musik zu komponieren?

Dan Brown: Auf einem Spaziergang ging ich an einem Park mit vielen Fröschen vorbei. Ihr Quaken klang für mich wie Musik. Ich ging nach Hause und schrieb eine kleine klassische Fuge mit dem Titel „Happy Frogs“. Dazu schrieb ich ein kurzes Gedicht, damit die Leute auch verstehen, was sie da hören. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, so dass ich mir danach gleich das nächste Tier ausgesucht habe. So ist die Sache dann langsam angewachsen.

Also kam zuerst die Musik und danach entstand der Text?

Brown: Meistens. Aber es gab auch Tiere, bei denen lief es anders herum. Ich wollte zum Beispiel ein Gedicht über den Strauß schreiben, wusste aber nicht, welche Laute dieser Vogel von sich gibt. So dauerte es eine Weile, bis ich herausgefunden habe, wie die Musik klingen könnte.

Haben Sie sich beim Komponieren auch von Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ oder Prokofjews „Peter und der Wolf“ inspirieren lassen?

Brown: Ganz bestimmt. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen und habe sehr viel Tschaikowsky gehört. Etwa die „Nussknacker“-Suite, in der jeder Satz einen Teil der Geschichte erzählt und einen eindeutigen Charakter hat. Meine Inspiration kommt aber auch durch mein eigenes Klavierspiel. Meine Mutter war Pianistin und Klavierlehrerin und gab mir und meinem Bruder schon früh Musikunterricht. Später besuchte ich eine Privatschule, in der fast jeden Abend klassische Konzerte gegeben wurden. Die Veranstaltungen waren nur 45 Minuten lang, weil die Schüler um 20 Uhr wieder in ihren Schlafsälen sein sollten. Diese Länge – an der sich auch meine „Wilde Symphonie“ orientiert – ist für Kinder perfekt.

Knüpfen Sie mit Ihrem Buch an die Zeit vor über 30 Jahren an, als sie als Singer-Songwriter die Kindermusikkassette „SinthAnimals“ aufnahmen?

Brown: Mit „SynthAnimals“ habe ich erstmals Musik und Poesie miteinander verbunden. Einige Stücke, die ich damals schrieb, habe ich für mein neues Projekt umgearbeitet. Ich greife also tatsächlich auf eine sehr frühe Idee zurück, was mir viel Freude bereitet hat.

Jede illustrierte Doppelseite von „Eine wilde Symphonie“ ist einer bestimmten Tierart gewidmet und mit einem Gedicht versehen. Fiel es Ihnen schwer, in Reimen zu schreiben?

Brown: Nein, ich bin mit den Kinderbüchern von Dr. Seuss (Erfinder des weihnachtshassenden Grinch, A.d.R.) aufgewachsen und habe viele Pop-Songs mit eigenen Texten geschrieben. Von daher fühlte sich der Schreibprozess sehr natürlich an.

Am Ende jeder Doppelseite gibt es noch eine kurze Lebensweisheit. Warum?

Brown: Meine Eltern waren Lehrer und ich wuchs auf dem Campus einer Schule auf. Ich befand mich also ständig in einer Art Unterrichtssituation. Heutzutage ist das Leben der Kinder viel fragmentierter als in meiner eigenen Kinderzeit. Daher möchte ich ihnen einige kleine Lebenslehren mit auf den Weg geben. Ganz einfache Dinge wie „Bewerte ein Buch nicht nach seinem Äußeren“ oder „Wenn du einmal auf die Nase fällst, stehe wieder auf und gehe weiter“. Das Kapitel „Tollpatschige Katzen“ handelt von Katzen, die ständig irgendwo herunterfallen, aber immer auf ihren Pfoten landen und weitergehen. Die Musik tut dasselbe: Sie klettert nach oben, und dann geht es mit einem Glissando und großem Knall nach unten. Sofort danach beginnt die Melodie von neuem. Die Kinder werden ihren Spaß damit haben.

Das Buch ist mittels Augmented Reality mit der Musik verbunden. Wie funktioniert das genau?

Brown: Nach der Installation einer App hält man die Kamera des Smartphones über eine Buchseite. Dann erklingt die Musik zu dem entsprechenden Tier. Die App kann also die Illustrationen erkennen. Natürlich kann man das Audiosignal über Bluetooth auch an andere Geräte senden oder sich die Musik direkt auf den bekannten Streaming-Portalen anhören.

Berühmt geworden sind Sie als Thriller-Autor mit einer Vorliebe für mysteriöse Zeichen und Symbole, die Ihre Figuren enträtseln müssen. Haben Sie auch geheimen Zeichen in Ihrem Kinderbuch versteckt?

Brown: Das habe ich, denn Kinder lieben so etwas. Auf jeder Seite sind Buchstaben in der Landschaft versteckt. Wenn man alle Buchstaben gefunden hat und sie in die richtige Reihenfolge bringt, erfährt man, welches Instrument das jeweilige Tier spielt. Ich habe aber auch geheime Kodes in der Musik versteckt. Das erste Musikstück enthält die Noten C-G-D. Das sind die Initialen meiner Mutter, die meine erste Klavierlehrerin war.

Gibt es Kinder in Ihrem Umfeld, die sie zu dem Buch inspiriert haben?

Brown: Ich denke, als kreativer Mensch – egal ob Komponist, Autor oder Koch – kreiert man die Sinfonie, den Roman oder das Soufflé, das man selbst am liebsten mag, und hofft, dass die Leute den eigenen Geschmack teilen. Wenn ich Thriller schreibe, schreibe ich nicht für eine bestimmte Zielgruppe, sondern das, was ich selber gerne lesen würde. Mit „Eine wilde Symphonie“ verhält es sich genauso. Es ist ein Buch, das ich als Kind geliebt hätte.

Ist „Eine Wilde Sinfonie“ ihre erste Komposition für Orchester?

Brown: Ich habe viele Popsongs geschrieben, die Orchesterinstrumente enthalten, aber dies ist tatsächlich meine erste Musik mit klassischer Orchesterbesetzung.

Haben Sie die Orchestrierung selbst übernommen?

Brown: Zuerst habe ich die Struktur der Stücke auf dem Klavier ausgearbeitet. Dann habe ich mithilfe eines Computersequenzers das Arrangement für die einzelnen Instrumente programmiert, so dass ich schon eine grobe Vorstellung hatte, wie sich das mit einem richtigen Orchester anhören würde. Dann habe ich die Noten einem professionellen Arrangeur überreicht, der meine Fehler korrigiert hat, indem er mich zum Beispiel darauf aufmerksam machte, dass das Horn gar nicht so hohe Töne hat oder eine bestimmte Passage für eine Harfenistin unspielbar ist.

Welche Rolle spielt die Musik gegenwärtig in Ihrem Leben? Wie viel Zeit bleibt Ihnen neben dem Schreiben für das Klavierspiel?

Brown: Ich stehe morgens um vier Uhr auf und arbeite für etwa sechs Stunden. Wenn ich dann zurück in meine andere Haushälfte gehe, komme ich am Klavier vorbei und lege dort eine Pause ein. Ich schreibe nicht jeden Tag, aber Klavier spiele ich fast täglich. Manchmal spiele ich etwas, was ich vor längerer Zeit komponiert habe. Oder ich schnappe mir einen Popsong, den ich im Radio gehört habe, und  spiele damit herum. Ich improvisiere sehr viel. Das ist mein Weg, wieder in die reale Welt zurückzukommen, nachdem ich an einem Roman gearbeitet habe. Ich höre auch sehr viel Musik, allerdings nicht beim Schreiben.

Haben Sie einen Lieblingskomponisten?

Brown: Ich habe eine Schwäche für Tschaikowsky, aber auch für die mathematischen Strukturen der Bach-Musik, die meine Mutter sehr viel gespielt hat. Ich liebe auch Poulenc, viele seiner Harmonien sind unglaublich interessant. Als ich das erste Mal seine „Quatre petites prières“ gesungen habe, habe ich begriffen, was Dissonanzen sind. Ich habe Dinge gehört, die mir bis dahin völlig unbekannt waren. Das hat mir geholfen, komplexe Harmonien zu verstehen.

Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Zagreb Festival Orchestra zustande, das die Musik zu Ihrer „Wilden Symphonie“ eingespielt hat?

Brown: Der Produzent des Projekts, Bob Lord, pflegt eine enge Beziehung zum Zagreb Festival Orchestra. Wir haben also die Noten nach Kroatien geschickt, bekamen Probeaufnahmen zurück und dachten: Wow, die sind großartig! Sie waren wirklich begeistert von diesem Projekt und haben sich köstlich mit der Musik amüsiert, obwohl sie sehr ernsthafte Musiker sind.

Und wie sind Sie auf die Illustratorin Susan Batori gestoßen?

Brown: Mein Verlag, Random Books in New York, legte mir Illustrationen von hundert verschiedenen Zeichnern vor. Nach einer Stunde kamen zehn in die engere Auswahl, von denen wir uns noch weitere Arbeitsproben zuschicken ließen. Danach hatte ich vier Favoriten. Man sagte mir, ich hätte drei der weltbesten Kinderbuchillustratoren ausgewählt sowie eine völlig unbekannte Person. Es stellte sich heraus, dass ausgerechnet diese unbekannte Person meine erste Wahl war. Wir gingen das Wagnis ein und Susan Batori legte einen echten „Home Run“ hin. Sie ist ein wirklich außergewöhnliches Talent.

Dann haben Sie ihr die Texte und die Musik gegeben und sie hat die Illustrationen dazu angefertigt?

Brown: … wie etwa die „ungeduldigen Ponys“, die gar nicht wie normale Pferde aussehen. Aber sie sind absolut witzig und wenn man den Lesern sagt, das sind Pferde, funktioniert es wunderbar.

Welches ist Ihr liebstes Tier im Buch?

Brown: Musikalisch ist der Rochen mein Lieblingstier. Darüber hinaus mag ich den „wundersamen Wal“ und die „fleißigen Käfer“.

Mr. Brown, vielen Dank für das Gespräch! Die Eltern unter unseren Lesern und vor allem deren Kinder dürfen jetzt das klingende Tierreich erkunden …

Brown: Das wäre wundervoll. Ich kenne Ihr Magazin sehr gut und kann mir vorstellen, dass die Covid-19-Situation derzeit eine große Herausforderung für Sie darstellt. Wir hatten für die „Wilde Symphonie“ eine Tour mit 50 Konzerten geplant, die in Shanghai beginnen sollte. Alle Konzerte wurde abgesagt. Ich hoffe für uns alle, dass sich die Lage bald wieder ändert.

Buch-Empfehlung

Dan Brown – Eine wilde Symphonie

48 Seiten

Boje Verlag

19,90 Euro

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