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„Ich habe hier eine ganz neue Welt entdeckt“

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Musikdorf Ernen

Das Musikdorf Ernen vereint große Namen und junge Talente der Klassikszene in intimer Atmosphäre. Zwischen historischen Holzhäusern und alpiner Kulisse entstehen leidenschaftliche und überraschende Konzerterlebnisse von seltener Nähe. In diesem Jahr lautet das Motto „Im Flow“.

 

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Ein Schweizer Bergdorf mit gut 500 Einwohnern, eingebettet in die Walliser Alpen. Zwei Gehminuten vom Dorfplatz zur Kirche, in der die meisten Konzerte stattfinden. Und dazwischen ein kleines Festivalbüro, an dem jeder Besucher irgendwann einmal vorbeikommt. Dort wirkt seit Kurzem Jonathan Inniger. Der 31-Jährige ist neuer Intendant des Musikdorf Ernen und erzählt von seinem Weg in die Leitungsposition, den Herausforderungen des Festivals und was diesen Ort so besonders macht.

Sie sind schon länger mit dem Festival verbunden. Wie hat alles begonnen?

Jonathan Inniger: Ich kam 2019 erstmals nach Ernen. Eher zufällig. Damals hatte ich mich gerade dazu entschlossen, Musikwissenschaft statt weiterhin Kontrabass zu studieren. Der Sommerjob während der Semesterferien hier war perfekt für diese Übergangsphase. Aber ich kannte weder das Dorf noch die Atmosphäre von Sommerfestivals besonders gut. Doch ich habe hier eine ganz neue Welt entdeckt und schnell gemerkt, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Über die Jahre habe ich immer mehr Aufgaben übernommen, dramaturgisch gearbeitet, Texte geschrieben, Einführungen gehalten. Und vor eineinhalb Jahren habe ich auch noch mein Studium als Kulturmanager abgeschlossen. So ist das Ganze organisch gewachsen.

Was macht ein Festival in einem so kleinen Ort besonders herausfordernd?

Inniger: Die Infrastruktur. Ernen ist nicht als touristisches Projekt entstanden. Heute stoßen wir an Grenzen bei Unterkünften, Gastronomie und Logistik. Gleichzeitig ist genau das unsere Stärke. Die Nähe, die Intimität, dass sich alle begegnen, dass man sich kennt. Das schätzen sowohl Künstler als auch Publikum enorm. Es ist ein sehr familiäres Umfeld.

Ihr Publikum gilt als besonders treu. Welche Rolle spielt es für die Programmgestaltung?

Inniger: Wir haben tatsächlich viele Stammgäste, einige verbringen jedes Jahr einen großen Teil des Sommers hier. Ihr Vertrauen in uns und in die Qualität unserer Konzerte ermöglicht das vielfältige Programm auch abseits der großen Stars. Viele sind auch Vereinsmitglieder und tragen so das Festival mit. Wir sprechen nach den Konzerten mit den Leuten und hören ihr direktes Feedback. Das beeinflusst natürlich unser Denken, aber das Programm entsteht letztlich unabhängig. Diese Balance ist wichtig.

Wie viel Risiko verträgt Ihr Festivalprogramm?

Inniger: Ein gewisses Risiko gehört unbedingt dazu. Neue Musik oder Uraufführungen sowie wenig bekannte Raritäten ziehen oft weniger Publikum an, und trotzdem sind sie essenziell für unsere künstlerische Identität. Wir sind kein Festival, das einfach bestehende Tourneeprogramme übernimmt. In Ernen entstehen Programme speziell für diesen Ort. Das ist auch unser Alleinstellungsmerkmal.

Sie geben den Musikerinnen und Musikern viel Freiheit. Warum?

Inniger: Weil ich überzeugt bin, dass die besten Konzerte entstehen, wenn die Künstlerinnen und Künstler sie mitgestalten. Ich gebe zwar Impulse, etwa durch ein Festivalthema oder Projekte wie „Composer in Residence“, aber letztendlich entwickeln sie ihre Programme selbst. Meine Aufgabe ist es, diese Programme dramaturgisch zu verbinden und in einen größeren Kontext zu stellen.

Ihr erstes Festivalthema lautet „Im Flow“. Was steckt dahinter?

Inniger: Das Thema hat mehrere Ebenen. Zum einen signalisiert es Kontinuität. Vieles entwickelt sich weiter, ohne Bruch. Zum anderen bietet „Flow“ viele Assoziationen: Bewegung, Veränderung. Und schließlich geht es um den Zustand selbst. Dieses völlige Eintauchen in die Musik, sowohl beim Spielen als auch beim Hören. Das ist eigentlich unser Kern.

Haben Sie eine langfristige Vision für das Musikdorf?

Inniger: Mein Fokus liegt zunächst darauf, das Erreichte zu stabilisieren. Das Festival ist gewachsen, und jetzt müssen wir diese Größe auch nachhaltig sichern, finanziell,organisatorisch und mit herausragenden Programmen. Ein wichtiges neues Kapitel ist das Engagement von Sir András Schiff, der sein pädagogisches Zentrum nach Ernen verlegt. Das wird viele neue Impulse bringen. Gleichzeitig ist mir wichtig: Ernen soll nicht beliebig wachsen. Die Intimität, die Authentizität, die müssen wir bewahren.

Das Festival lockt immer wieder mit prägenden Persönlichkeiten.

Inniger: Ja, innerhalb unseres Programms mit vielen jungen Musikern und erstklassigen Künstlern, die knapp unterhalb des Star-Radars fliegen sind solche „Leuchttürme“ wichtig. In den letzten Jahren waren das etwa die Schriftstellerin Donna Leon mit ihren Literaturseminaren oder jetzt Sir András Schiff. Sie ziehen neue Menschen an und prägen das Profil.

Welches ist Ihr persönliches Highlight der kommenden Saison?

Inniger: Das ist immer schwierig bei insgesamt 53 Konzerten. Aber ein besonderes Ereignis wird sicher die Interpretation des legendären „The Köln Concert“ von Keith Jarrett durch Maki Namekawa sein. Dieses ikonische Werk einmal live in dieser Form zu hören – das ist schon außergewöhnlich!

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