Das Musikdorf Ernen hat ein neues Format lanciert, das sich bewusst gegen die Flüchtigkeit des üblichen Konzertbetriebs stellt: „Composer to Discover“. Schon im Titel wird klar, dass es um das Entdecken geht und um die Bereitschaft zum genauen Hinhören.
Die französische Komponistin Mel Bonis, deren Persönlichkeit und Werk ebenso faszinierend sind wie ihr Lebensweg, eröffnet die Reihe. Dass sie heute als „zu entdecken“ gilt, verweist weniger auf mangelnde Qualität als vielmehr auf die Schatten der Musikgeschichte, in denen ihr Schaffen über Jahrzehnte stand. Das neue Format „Composer to Discover“ schafft Komponistinnen Raum, die zu Unrecht an den Rand gedrängt wurden.
Mélanie Bonis wurde 1858 in Paris geboren und wuchs in einem mittelständischen Umfeld auf, das ihrer musikalischen Begabung zunächst wenig Raum ließ. Ohne große Unterstützung ihrer Familie begann sie dennoch ein Studium am Pariser Konservatorium, wo sie unter anderem bei César Franck und, gemeinsam mit Debussy, bei Ernest Guiraud studierte. Dort begegnete sie dem Sänger, Dichter, Musikkritiker und späteren Gesangspädagogen Amédée-Louis Hettich, der um ihre Hand anhielt. Doch die Verbindung wurde von den Eltern unterbunden. Stattdessen wurde Bonis mit einem Industriellen verheiratet. Ein Einschnitt, der ihr Leben nachhaltig prägen sollte.

Ein Leben voller Spannungen und verborgener Geschichten
Diese biografische Zäsur führte zu einer längeren Phase, in der ihr kompositorisches Schaffen nahezu zum Erliegen kam. Erst Jahre später, bereits Mutter mehrerer Kinder, fand Bonis zurück zur Musik, und zwar mit bemerkenswerter Entschlossenheit. Um sich in einer von Männern dominierten Musikwelt behaupten zu können, veröffentlichte sie ihre Werke unter dem geschlechtsneutralen Namen „Mel Bonis“, ein ebenso pragmatischer wie symbolisch aufgeladener Schritt.
Doch ihr Leben blieb von Spannungen und verborgenen Geschichten durchzogen. Die Beziehung zu Amédée-Louis Hettich lebte später erneut auf und führte zur Geburt der unehelichen Tochter Madeleine, die sie geheim hielt und von der sie sich alsbald distanzierte. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1918 konnte Bonis endlich mehr Zeit mit Madeleine verbringen. Als diese sich aber in ihren Halbbruder Edouard verliebte, war die Mutter schließlich gezwungen, die Wahrheit zu enthüllen.
Diese Erfahrung des Verborgenen, des inneren Konflikts und der emotionalen Intensität scheint sich auch in ihrer Musik widerzuspiegeln. Jedoch nicht in dramatischen Ausbrüchen, sondern in einer subtilen, oft kammermusikalischen Sprache, die zwischen Zurückhaltung und kraftvollem Ausdruck schwankt. Diese feine Ambivalenz eignet sich besonders für das Format „Composer to Discover“.
Im Musikdorf Ernen werden ihre Kompositionen nicht isoliert präsentiert, sondern in thematische Zusammenhänge eingebettet, die neue Perspektiven eröffnen. In zehn Konzerten von Juni bis September werden von ihr prägnante Klavierstücke zu literarischen und mythologischen Frauenfiguren, impressionistische Charakterstücke und große, spätromantische Kammermusik in der Tradition ihres Mentors César Franck zu hören sein.

Verbindung von Musik und Biografie
Dabei spielt der Ort eine entscheidende Rolle. Ernen bietet mit seiner intimen Atmosphäre ideale Bedingungen für diese Form der musikalischen Vertiefung. Die Nähe zwischen Künstlern und Publikum, die Konzentration auf wenige, sorgfältig kuratierte Programme und die Ruhe der Umgebung schaffen einen Rahmen, in dem Entdeckungen tatsächlich möglich werden. Nicht als flüchtiger Eindruck, sondern als nachhaltige Erfahrung.
Ein weiterer wesentlicher Bestandteil von „Composer to Discover“ ist die Verbindung von Musik und Biografie. Im Fall von Mel Bonis eröffnet ihr bewegtes Leben einen zusätzlichen Zugang zu ihrem Werk, ohne dieses darauf zu reduzieren. Für die Musikerinnen und Musiker bedeutet dies eine besondere Herausforderung und zugleich eine große Chance. Die intensive Auseinandersetzung mit einer Komponistin, deren Werk noch nicht durch jahrzehntelange Aufführungstraditionen festgelegt ist, eröffnet Freiräume für eigene Lesarten. Interpretation wird hier zu einem Prozess des Suchens und Entdeckens – im Idealfall auch für das Publikum.

Das Musikdorf Ernen vereint große Namen und junge Talente der Klassikszene in intimer Atmosphäre. Zwischen historischen Holzhäusern und alpiner Kulisse entstehen leidenschaftliche und überraschende Konzerterlebnisse von seltener Nähe. In diesem Jahr lautet das Motto „Im Flow“.