Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker sind das älteste Kammermusikfestival Deutschlands und zugleich eines der wandlungsfähigsten Musikfestivals. Wer hierher reist, landet nicht nur in einem idyllischen Elbstädtchen, sondern in einem lebendigen Labor für Kammermusik, mit einer Geschichte, die fast so spannend ist wie das Programm selbst.
Von der Nachkriegsinitiative zur Kulturinstitution
Alles beginnt 1946. In Hitzacker, damals geprägt von Krieg und Flüchtlingszustrom, organisieren engagierte Musiker erste Haus- und Kirchenkonzerte. Daraus erwächst ein Festival, das mit idealistischem Anspruch gegründet wird und sich schnell zu einer eigenständigen Größe entwickelt. Es entsteht ein Profil, das bis heute trägt: stilistische Offenheit, Neugier und die Verbindung von Tradition und Gegenwart.
1951 wird das Festival auf eine neue Basis gestellt. Ein eigens gegründeter Förderverein übernimmt die Trägerschaft, bis heute auf ehrenamtlicher Basis. In den folgenden Jahrzehnten werden regelmäßig Kompositionsaufträge vergeben, sowohl an etablierte als auch an junge Komponistinnen und Komponisten. Seit den 2000er-Jahren setzen die Sommerlichen Musiktage Hitzacker verstärkt auf Reflexion und Vermittlung, initiiert durch die Intendanten Markus Fein, Carolin Widmann und aktuell Oliver Wille. Die Hörer-Akademie lädt dazu ein, Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu verstehen.
Außerdem kommen neue Formate hinzu: Late-Night-Konzerte, Installationen, Wandel- und Sonnenaufgangskonzerte, Nachwuchsförderung sowie ein bemerkenswertes Nachhaltigkeitskonzept, mit dem sich das Festival seit 2011 als kultureller Akteur mit Verantwortung weit über die Musik hinaus versteht.

Auftakt mit Eigensinn
Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker zeigen in ihrer 81. Ausgabe eindrucksvoll, wie lebendig ein traditionsreiches Festival klingen kann, wenn es seine Geschichte nicht ausstellt, sondern weiterdenkt. Im Zentrum steht in diesem Jahr Joseph Haydn, als funkelnder Ideengeber für ein Programm voller Kontraste, Experimente und überraschender Verbindungen.
Im Eröffnungskonzert (25.7.) bringt der italienische Cellist Giovanni Sollima Haydn mit Volksmusik, Improvisation und eigenen Kompositionen zusammen. Besonders spannend wird es, wenn das selten gespielte Baryton erklingt, ein historisches Streichinstrument, das Haydns Dienstherr Fürst Nikolaus I. auf Schloss Esterházy selbst spielte. Später folgt ein bewusst unkonventioneller Liederabend unter anderem mit Dorothea Röschmann und Ian Bostridge mit Liedern von Haydn und so mancher Überraschung.
Wer das ganz besondere „Sommerliche“-Gefühl erleben und einen Tag voll in die Musik eintauchen möchte, darf sich wieder auf die 2024 begonnenen Debüts freuen. Zwischen jeweils fünf Kurzkonzerten kommen Künstler und Publikum in lockerer Atmosphäre zudem ins Gespräch. Der große Klaviertag (26.7.) bringt vier junge Talente mit Igor Levit und Markus Becker, der dieses Programm kuratiert hat, zusammen.
Am zweiten Festivalwochenende gibt es den weiteren Debüt-Tag (1.8.) mit vier jungen Streichquartetten. Sie erfüllen die frisch renovierte Kirche in Hitzacker endlich wieder mit Musik und lassen zugleich die Kaffee-und-Kuchen-Tradition im Pfarrgarten aufleben.

Mitmachen ausdrücklich erlaubt
Was die Sommerlichen Musiktage Hitzacker auszeichnet, ist die Nähe zum Publikum. Beim „Chorsingen für Alle“ (ab 27.7.) wird das Publikum werktags am Morgen selbst zum Klangkörper und tritt am Festivalfreitag öffentlich auf.
Außerdem denkt das „Forum Nachhaltigkeit/Zukunftsfähigkeit“ in Zusammenarbeit mit dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) im Archäologischen Zentrum Hitzacker über die Rolle des Festivals als sozialen Ort nach. Mit der Sonnenblumen-Aktion „Lasst Hitzacker blühen“ werden außerdem die Hitzackeraner sowie die ganze Fachwerkstadt in das Festivalgeschehen eingebunden und in gelbe Blütenpracht getaucht. Der Abend klingt mit einem Kammerkonzert mit Geigerin Antje Weithaas, Cellistin Marie-Elisabeth Hecker und Pianist Martin Helmchen aus.
Für interessante Perspektiven (28.7.) sorgen Martina Gedeck und Sebastian Knauer, die Haydns Leben anhand von Briefen und Klavierwerken nachzeichnen. Am Abend bildet barocke Kammermusik aus Dresden den Ausgangspunkt für ein spannendes Programm. Haydn kannte, studierte und schätzte diese Musik, und womöglich inspirierte sie ihn, ganz eigene und neue Wege zu gehen.

Grenzgänge in alle Richtungen
Das GrauSchumacher Piano Duo (29.7.) ist für seine durchdachten Programme und seinen ausgeprägten Entdeckergeist bekannt. Damit fügen sie sich bestens ein in die Programmatik der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, wo Grenzen immer wieder neu ausgelotet werden. In der Hörer-Akademie (30.7.) interpretiert Steffen Schleiermacher Werke von Morton Feldman, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.
Jazz trifft Klassik, wenn Till Brönner (31.7.) Haydns Trompetenkonzert als Ausgangspunkt für seine Improvisationen mit Frank Chastenier nutzt. Und Literatur trifft Musik, wenn Udo Samel aus Laurence Sternes „Leben und Ansichten des Tristram Shandy, Gentleman“ liest und das Kuss Quartett den Text mit zwei berühmten Streichquartetten Haydns verbindet.
Den Abschluss (2.8.) bildet Haydns wohl eindrucksvollstes Werk „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“. Nach dem großen Zuspruch der vergangenen Jahre kehrt auch das Ballett zurück: Der Choreograf und Solotänzer des Hamburg Balletts Aleix Martínez entwickelt gemeinsam mit internationalen Tänzerinnen und Tänzern sowie dem Kuss Quartett eine lebendige Inszenierung. Neben Haydns Hauptwerk erklingt außerdem die Uraufführung von Matthew Shlomowitz’ „Fünf Bagatellen“. So entsteht ein typischer Hitzacker-Moment, in dem Vergangenheit und Gegenwart scheinbar mühelos ineinandergreifen.

