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Die Stadt des musikalischen Networkings

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  • Die Stadt des musikalischen Networkings

Con Spirito Leipzig 2026

Con Spirito Leipzig begibt sich in diesem Jahr unter dem Motto „Tacheles“ auf eine musikalische Spurensuche durch das jüdische Erbe der Leipziger Romantik – und lässt dabei die traditionsreichen Komponistenhäuser und Salons der Musikstadt neu aufleben.

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Wie mag Leipzig im 19. Jahrhundert geklungen haben? Als umtriebige, altehrwürdige Messestadt und viriler Kulturhotspot gewiss bunt, lebhaft und im besten Sinne aufgeregt. Wer an diesem farbenreichen Konzert des städtischen Lebens alles mitwirkte, lässt sich heute nur noch erahnen. Eine Spur jedoch pulsierte so deutlich durch die Gassen, dass sie sich bis heute nahezu unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben hat: jene der vielen fleißigen jüdischen und jüdischstämmigen Komponistinnen und Komponisten. Anlässlich des Themenjahres „Tacheles – Jüdische Kultur in Sachsen“ hat sich das Leipziger Kammermusikfestival Con Spirito vorgenommen, mit den „Jewish Tunes“ der Musik der Leipziger Romantik nachzuspüren. Dargeboten von großen Stars der Kammermusikszene wie Antje Weithaas, entdeckungslustigen Repertoirespezialisten wie Oliver Triendl sowie Solisten der kommenden Generation wie Angela Chan, Preisträgerin des renommierten Joseph Joachim Violinwettbewerbs 2024, begibt sich das Festival gemeinsam mit seinem Publikum auf eine Spurensuche durch die Musikmetropole des 19. Jahrhunderts.

Jahr für Jahr belebt Con Spirito die Leipziger Musiktradition neu. Mendelssohn, Clara und Robert Schumann, Johann Sebastian Bach, Edvard Grieg oder Richard Wagner bilden dabei die kulturelle DNA des Festivals – verbunden durch die Wirkungsstätten der Komponisten, die innerhalb der Leipziger Altstadt fußläufig erreichbar sind. Spaziergänge und Soundwalks mit der Leipziger Notenspur-App erweitern das Konzerterlebnis in den Stadtraum hinein, wodurch während des Festivals eine besondere Nähe zwischen Künstlern und Publikum entsteht – beinahe wie eine kleine Festivalfamilie auf den lebendigen Spuren der Leipziger Musiklebens.

Repertoire-Entdecker und Kammermusikexperte: Pianist Oliver Triendl
Repertoire-Entdecker und Kammermusikexperte: Pianist Oliver Triendl

Tacheles spielen

Den Auftakt am 12.9. gestalten die Festivalmusiker im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses mit einer Bearbeitung von Beethovens „Fidelio“-Ouvertüre durch Ignaz Moscheles. Heute vor allem für seine virtuosen Etüden und Klavierkonzerte geschätzt, übernahm Moscheles auf Einladung Felix Mendelssohns eine Klavierklasse am kurz zuvor gegründeten Leipziger Konservatorium. Mit dem Klarinettentrio a-Moll op. 40 erklingt zudem Carl Frühlings bekannteste Komposition. Wie auch Gustav Mahler gelingt es dem in Lwiw geborenen jüdisch-österreichischen Komponisten, osteuropäische und Wiener Volksmusik in seinem Trio lebhaft aufblühen zu lassen. Schließlich steht Mendelssohns Oktett Es-Dur op. 20 auf dem Programm, mit dem der damals 16-Jährige einen seiner ersten großen Erfolge feierte.

Das Konzert „Schumanns ,jüdischer‘ Geschmack“ am 13.9. im Schumann-Haus richtet den Blick auf das generationenübergreifende Künstlernetzwerk um den in Zwickau geborenen Urromantiker Robert Schumann. Mit den „Märchenerzählungen“ op. 132 im Zentrum, die zu den letzten kammermusikalischen Werken Schumanns zählen, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die befreundeten Kollegen Ferdinand David und Joseph Joachim sowie auf Davids Schüler Friedrich Gernsheim, dessen zweites Klavierquartett deutliche Einflüsse Mendelssohns und Schumanns erkennen lässt.

Geliebter Feind

Auch Richard Wagner zählt zu den berühmtesten Komponisten, deren Biografie untrennbar mit Leipzig verbunden ist. 1813 dort geboren, zog es ihn später zum Kompositionsstudium in die Stadt zurück. Unter dem Titel „Wagner: Profiteur und Verächter“ blickt das Festival Con Spirito am 15.9. in der Alten Nikolaischule auf das zwiespältige, von Missgunst und Eifersucht geprägte Verhältnis des späteren Bayreuther Meisters zu den damals einflussreichsten Opernkomponisten seiner Zeit: Fromental Halévy und Giacomo Meyerbeer. Wagners Bearbeitung von Halévys „Le Guitarrero“ zeigt dabei eindrücklich, wie sehr er sich trotz aller Ablehnung von seinen später verleugneten Vorbildern inspirieren ließ.

Die Amsterdam Klezmer Band trägt das emotional-melancholische musikalische Erbe der aschkenasischen Juden Osteuropas nach Leipzig
Die Amsterdam Klezmer Band trägt das emotional-melancholische musikalische Erbe der aschkenasischen Juden Osteuropas nach Leipzig

Kammermusikalischer Großvater

Die Verbindung Johannes Brahms’ zu diesem sprudelnden Komponistenhotspot prägten vor allem Robert Schumann, der das Talent des jungen Brahms früh erkannte, sowie Clara Schumann, die auch nach dem Tod ihres Ehemanns einen vertrauensvollen Briefwechsel mit ihm unterhielt. Umso bedeutender erscheint der Einfluss des gebürtigen Hamburgers auf die Kammermusik, aus deren Quellen zahlreiche Künstler ihre Inspiration schöpften. Ein Konzert am 16.9. im Bach-Museum beleuchtet diesen Einfluss auf die drei Wiener Spätromantiker Schönberg, Zemlinsky und Kreisler.

Eine in Wien wie in ganz Europa beheimatete Tradition ist der Klezmer, dessen nostalgisch-folkloristische Straßenmusik zu den genuinen jüdischen Musikkulturen zählt. Eine Kostprobe davon bietet die Amsterdam Klezmer Band am 17.9. in der Thomaskirche.

In Künstlerkreisen verkehren

Der deutsch-jüdische Bankier Auguste Léo ist heute freilich weniger bekannt, zählte zu Lebzeiten jedoch zu den Freunden und Förderern zahlreicher Künstler, darunter Ignaz Moscheles, mit dem er sogar verwandt war, Heinrich Heine, die Familie Mendelssohn sowie Clara Wieck. Auch Frédéric Chopin gehörte zu den Gästen, die in Paris regelmäßig bei Léo verkehrten. Als Zeichen dieser Freundschaft gilt Chopins heroische Polonaise As-Dur op. 53, die er Léo widmete. Gemeinsam mit Heine-Vertonungen von Mendelssohn und Wieck ist sie nun im „Treffpunkt Salon Léo“ zu hören. Veranstaltungsort ist am 18.9. das Mendelssohn-Haus.

Zwischen Konzertsaal, Wohnzimmer und Gedenkstätte: Die Grieg Begegnungsstätte
Zwischen Konzertsaal, Wohnzimmer und Gedenkstätte: Die Grieg Begegnungsstätte

Eine innerhalb Europas verwurzelte Tradition

Wie wenige andere Nationen verfügte die Sowjetunion über eine reiche jüdisch geprägte oder von jüdischer Kultur inspirierte Musikkultur. Einige ihrer Protagonisten zog es dabei auch nach Leipzig, etwa Alexander Weprik, dessen Familie nach antisemitischen Pogromen 1909 nach Deutschland floh und der am Leipziger Konservatorium studierte. Auch Dmitri Schostakowitsch gehört in diesen Kontext, dessen kongeniale Sammlung der „24 Präludien und Fugen“ op. 87 aus den Feierlichkeiten zum 200. Todestag Johann Sebastian Bachs hervorging. Kammermusik dieser Komponisten sowie Werke von Prokofjew und Weinberg erklingen am 19.9. in der Grieg-Begegnungsstätte.

Mit einer Spurensuche nach der Melodie in den Werken Felix Mendelssohns, des wohl bedeutendsten Leipziger Meisters, schließt sich am 20.9. im Großen Saal der Hochschule für Musik und Theater der Kreis zum Festivalmotto „Tacheles“ – und zum Festival selbst. Wie Mendelssohn in seinen „Liedern ohne Worte“ einen Weg fand, Musik auf besonders poetische Weise für sich sprechen zu lassen, dringt auch sein gesamtes Schaffen in klassischer Formvollendung zum Kern der Sache vor.

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