In den Oratorien Georg Friedrich Händels gewannen Tenorpartien im Vergleich zu seinen Opern an Bedeutung. Doch die berühmten Kastraten waren aus dem Londoner Musikleben keineswegs verschwunden. Dieses Album rehabilitiert die Bedeutung von Stars wie Giovanni Battista Andreoni und Gaetano Guadagni für Händels spätere Schaffensperiode, in der Kastratenpartien für Alt eine wichtige Rolle spielten. Für solche Arienjuwele ist Carlo Vistoli der genau richtige Mann: Mit seiner runden, deklamatorisch starken Stimme gestaltete er unter anderem Glucks Orfeo ideal. Emmanuelle Haïm mit ihrem Ensemble Le Concert d’Astrée und Vistoli agieren auf Augenhöhe und wie aus einem Guss. Sie musizieren mit spürbarer Sorgfalt und Sensibilität. Giulia Semenzato setzt eine etwas dezentere Präsenz. Ihr weicher, warmer Soprano leggero baut bewusst keine dramatische Konkurrenz zu Vistoli auf, der in den Duetten aus „Esther“ und „Theodora“ mit sanfter Männlichkeit die Führung übernimmt. Trotz der dramatischen Ausrichtung entfalten diese Aufnahmen mit liebevoller Fülle ein eher idyllisches denn expressionistisches Klang-Arkadien – betörend und rundum schön. Ein Album voller Goldlicht, das durch feine Schattenlinien veredelt wird.
Italian Castrati in the London Oratorios
Händel: Arien, Duette & Szenen aus „Esther“, „Deborah“, „Belshazzar“, „Theodora“, „Saul“, „Messiah“ & „Athalia“
Carlo Vistoli (Countertenor), Giulia Semenzato (Sopran), Le Concert d’Astrée, Emmanuelle Haïm (Leitung)
harmonia mundi




