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Reportage: Appenzeller Bachtage 2026

Mit Bach zurück nach vorne

Vor pittoresker Bergkulisse, in eleganten Sälen und Kirchen warfen die Appenzeller Bachtage in ihrer sechsten Ausgabe einen aktuellen Blick auf das Werk ihres Namensgebers.

vonTeresa Pieschacón Raphael,

Das Gewitter, das da über der Reformierten Kirche in Trogen am ersten Abend der Appenzeller Bachtage niederging, hatte etwas von Bachs musikalischem Zorn aus der Matthäuspassion, von jenem „Sind Blitze, sind Donner“, mit dem die Menge auf Jesu Gefangennahme reagiert. „Zertrümmre, verderbe, verschlinge, zerschelle.“ Während draußen die Welt in den Fluten unterzugehen schien, stand der Patron des Festivals, Johann Sebastian Bach, ganz gelassen als lebensgroße Pappfigur hinter dem Kirchenportal und prüfte mit ernstem Blick die etwa zweihundert Besucherinnen und Besucher. Dann strahlte es aus der Kehle der Sopranistin Marie-Sophie Pollak: „Jauchzet Gott in allen Landen“.

Bachsche Vokalkunst mit Sopranstin Marie-Sophie Pollak, Trompeter Patrick Henrichs und dem Kammerorchester der J. S. Bach-Stiftung
Bachsche Kantatenkunst mit Sopranstin Marie-Sophie Pollak, Trompeter Patrick Henrichs und dem Kammerorchester der J. S. Bach-Stiftung

Dialog der Konfessionen

Festivals, die sich dem Schaffen eines einzigen Komponisten widmen, sei es Wagner oder Bach, bekommen nicht selten kultische Züge, mitunter befördert von den Orten, an denen sie stattfinden. Wie etwa im Appenzellerland. 1597 wurde es infolge der Konfessionsspaltung in einen katholischen (Innerrhoden) und in einen reformierten Teil (Ausserrhoden) aufgeteilt. Bunt bemalte Giebelhäuser, reich verzierte Holzfassaden und Wirtshäuser prägen die Hauptgasse von Appenzell. Hier kann man es sich bei Appenzeller Käse und dem Lebkuchengebäck Biberli gut gehen lassen. Auch die Pfarrkirche ist voller Ornamente.

Ganz anders in den reformierten Dörfern Ausserrhodens wie Teufen, Trogen oder Stein, in denen die Bachtage vorwiegend stattfinden. Nüchtern und aufgeräumt wirkt die Architektur. Zwinglianisch schmucklos die Kirchen, ganz in Weiß und frei von üppigen Heiligenstatuen oder prunkvollen Seitenaltären. Hinter dem Altar eine Uhr. Ein Memento mori. „Bedenke, dass du sterben wirst.“

Humorvoll bringt der (evangelische) Spiritus rector der Bachtage Rudolf Lutz den Unterschied der Konfessionen auf den Punkt: „Unsere Schubläden sind voller Lindenblüten-Tee. Bei den Katholiken gibt es Weinfässer“. Herzstück des Protestantismus sind Predigt und Auslegung der Bibel. Und so gab es auf diesen Bachtagen fast mehr Worte als Musik. „Reflexionen“ und Texte zur Erbauung appellierten an die innere Standhaftigkeit. Ein Mensch lerne damit, irdisches Leid zu ertragen im Vertrauen auf Gottes Trost.

Mit einem Chorprojekt werden auch Kinder und Jugendliche in die Bach-Pflege eingebunden
Mit einem Chorprojekt werden auch Kinder und Jugendliche in die Bach-Pflege eingebunden

Kein künstlicher Bach

„Beständig sein ans End“ heißt es auch in der Kantate BWV 177, die von Lutz mit großer Emphase erläutert wurde. In gut lutherischer Tradition bekam das Publikum ein Notenblatt zum Mitsingen. Beim täglichen „Singen in der Früh“ um 7:45 Uhr hatten viele ohnehin ihre Stimmfertigkeiten mit Chorälen und Kanons trainiert. Mitunter auf nüchternem Magen, weil kein Café weit und breit. Der Gesichtsausdruck von Konrad Hummler sprach Bände: Singen kann glücklich machen! 30 Millionen Franken hat der ehemalige Topbanker der Privatbank Wegelin bisher in die J. S. Bach-Stiftung St. Gallen investiert, die er mit Lutz 2006 gründete und für die beide jetzt mit der Bach-Medaille der Stadt Leipzig ausgezeichnet wurden. Fast das gesamte Vokalwerk Bachs hat man aufgeführt und dokumentiert. Für weitere Projekte ist man auf Spenden angewiesen und geht mit seltener Ehrlichkeit vor: „Cembalo schleppen, stellen und stimmen“ etwa kostet 1500 Franken.

Nicht ganz leicht ist die wuchtige rund 27 Kilo schwere Calov-Bibel, die Bach 1733 erwarb und mit 348 Randnotizen versah. Während das Original in der Bibliothek von St. Louis in Missouri liegt, besitzt die Bach-Stiftung eine originalgetreue Faksimile-Ausgabe. „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden gegenwärtig“, notiert Bach. Was das wohl in KI-Zeiten bedeutet, in der mancher Entwickler sich wie Gott fühlt? Kann KI auch Bach? „KI kann Mittelmäßigkeit recht gut“, beruhigte Mercedes Bunz, Professorin für Digitale Kultur am King’s College London. Eine kurze von der KI generierte Musikphrase könne überzeugend klingen, eine längere wirke standardisiert, wie der Cellist Martin Zeller an zwei Musikbeispielen demonstrierte.

Einen Abend voller Überraschungen gestaltete Festivalleiter Rudolf Lutz mit Musikerinnen und Musikern der Appenzeller Bachtagae
Einen Abend voller Überraschungen gestaltete Festivalleiter Rudolf Lutz mit Musikerinnen und Musikern der Appenzeller Bachtagae

Bach geht weiter

Bis 1990 mussten die Appenzeller Frauen auf das Stimm- und Wahlrecht warten. Auch im Rahmen des Festivalteams fiel auf: Die Männer standen auf der Bühne, die Frauen blieben im Hintergrund. Ausnahme: Musikerinnen oder Autorinnen wie Angela Steidele. „Aufklärung“ nennt sie ihr kluges, gewitztes Porträt Leipzigs im 18. Jahrhundert. Aus der Perspektive bedeutender Zeitgenossinnen erzählt sie von den Turbulenzen des Geistes, wissenschaftlichen Höhenflügen und der Weisheit von Bachs Musik. Gottlob kam der Humor nicht zu kurz, auch dank des vielbegabten Rudolf Lutz. Ein ebenso leidenschaftlicher Bach-Exeget wie Jazzimprovisator. In seiner für das Jugendprojekt komponierten „Hommage an Bach“ glänzte er mit einer herrlich vertrackten Fuge über Bachs berühmten Spruch: „Ich habe fleißig seyn müssen; wer eben so fleißig ist, der wird es eben so weit bringen können.“

Am letzten Abend gab es eine kurze, revueartige, etwas respektlose Interpretationsschau der „Großväter“ der historischen Aufführungspraxis, die laut der Cembalistin und Dirigentin Johanna Soller das „Bestmögliche“ gaben. Nach dem Motto „Bach erträgt alles“. Vielleicht ist das die schönste Pointe dieser Bachtage und die Erfüllung des diejährigen Mottos „Bach geht weiter“: Die Verehrung des Meisters erstarrt hier nicht in Ehrfurcht, sondern führt immer wieder ins Spielen, Fragen und Ausprobieren.

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