„Wir ziehen an einem Strang“, sagen Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy. Seit fast 20 Jahren bilden die zwei Ungarinnen ein in der Musiktheater-Landschaft einmaliges Tandem. Seit sie in Budapest und Salzburg bzw. München studierten, verantworten sie zusammen mit von außen undurchschaubarer Aufgabenteilung Regie, Bühnenbild und Kostüme. Jede Inszenierung bedeutet für sie ein geschlossenes Universum. Ihre Porträtfotos sind schwarzweiß wie ihre existenzielle Haltung zu den Stücken.
Im Sommer 2026 blickt die ganze Welt auf Parditka und Szemerédy. Sie debütieren zum Jubiläum „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ mit einem Werk, das dort erstmalig zur Aufführung kommt: Die große Oper „Rienzi“ war zu Lebzeiten Richard Wagners sein größter Erfolg, steht aber als Lieblingsoper Adolf Hitlers im Kreuzfeuer und erreichte auch deshalb trotz verschiedener Anläufe bisher nicht den Grünen Hügel. Szemerédy freut sich: „Solche Herausforderungen suchen wir – gerade aufgrund unserer kritischen Haltung zu Wagner.“ Das Duo bezieht sich in seinem „Rienzi“-Konzept unter anderem auf Schriften der ungarischen Philosophin Ágnes Heller über die Gefährdung von Demokratien.
Wagner im Zeitalter künstlicher Intelligenz
Mit dem „Minenfeld“ Richard Wagner setzen sich beide schon lange auseinander. Am Anfang stand ihre sehr puristische Inszenierung von „Parsifal“ für die Wagner-Tage Budapest im Müpa. Für Ádám Fischer folgten Mozarts „Ascanio in Alba“ und „Tristan und Isolde“ an der Ungarischen Staatsoper, bis diese prägende Zusammenarbeit durch die Ministerpräsidentschaft Viktor Orbáns ein Ende fand.
Am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken erarbeiteten Parditka und Szemerédy von 2022 bis 2026 den Zyklus „Der Ring des Nibelungen“. Ihre in der ganz nahen Zukunft spielende Deutung zeigt mit verblüffender Stimmigkeit zu Wagners Dichtung die Entwicklung zweier Labor-Trusts, in denen transhumanistische Geschöpfe von Wotan und Alberich ihr zerstörerisches und manipulierbares Potenzial steigern. Als einzige „überlebt“ die durch KI und synthetische Biologie mehrfach optimierte Walküre Brünnhilde.
„Was wollen wir heute damit erzählen?“
„Was sind die Grundgedanken des Stücks, und was wollen wir heute damit erzählen?“ Mit diesen Fragen nähern sich Parditka und Szemerédy den Werken. Während manche Musiktheater-Produktionsteams einen nahezu formelhaften Wiedererkennungswert entwickeln, erscheinen die Arbeiten der beiden an Theatern wie Hannover, Nürnberg, Heidelberg, Coburg, Innsbruck und Gelsenkirchen stets individuell und präzise auf das jeweilige Stück zugeschnitten. Parditka und Szemerédy spüren in der Gegenwart immer wieder Konstellationen auf, die den häufig brutalen Geschichten der Libretti entsprechen und diese nachvollziehbar machen.
Ihre Lesarten entwickeln sie aus der Partitur und leiten sie konsequent aus der Musik her. Deshalb ist für beide die enge Zusammenarbeit mit den Dirigierenden essenziell. Das kann zu sehr unterschiedlichen Relationen zwischen Gegenwart und Handlungszeit führen. „Ob wir einen toxischen Kosmos oder wie für ‚Tristan‘ in Saarbrücken ein Haus in Zeitspirale zwischen Jugendstil und Zweitem Weltkrieg setzen, entscheidet sich erst nach genauer Analyse“, sagt Parditka. Die im deutschen Sprachraum fast unbekannte Oper „Ruslan und Ljudmila“ von Michail Glinka führte an der Hamburgischen Staatsoper in ein U-Bahn-Areal als spektakulär aufwändigen Symbolraum für ein auf der gesellschaftlichen Oberfläche nicht mögliches Leben in echter Freiheit.
Konstruktive Reibung
Die Gegenwart erweist sich für Parditka und Szemerédy als kompliziert durch Hierarchien, Machtsysteme und Befreiungen von alten Mustern. „Aus jedem Plot machen wir unsere Welt. Wir finden es spannend, in bekannten Stücken neue Aspekte zu entdecken und diese aktuell zu lesen“, sagt Szemerédy. Echtheit und zwischenmenschlicher Dialog ist ihnen wichtig. Aber was, wenn in Teilaspekten Meinungsunterschiede bestehen? „Wir nennen Auseinandersetzungen über unsere Thesen zu den Werken ‚konstruktive Reibung‘“, antwortet Szemerédy, und Parditka präzisiert: „Der unmittelbare Eindruck gehört zu den wichtigsten Ereignissen in Proben und bei Kulturerlebnissen. Deshalb fasziniert uns Musiktheater als physisches und partizipatives Ereignis. Es ist faszinierend zu beobachten, wie das Publikum dem Bühnengesang zuhört, dessen Energie wahrnimmt und Theater im besten Fall aufrüttelt und wichtige Fragen auslöst.“





