Startseite » Oper » Opern-Kritiken » Komik, die einschlägt wie eine Horde Duracell-Hasen

Opern-Kritik: Salzburger Festspiele – Il viaggio a Reims/Così fan tutte

Komik, die einschlägt wie eine Horde Duracell-Hasen

(Salzburg, 5. & 6.8.2026) Der Abschluss einer stückreichen Salzburger Festspielwoche gehört der wahren Königsform des Musiktheaters: der Opera buffa. Die Regisseure Kosky und Loy verfolgen dafür erfolgreich zwei unterschiedliche Wege – musikalisch bleibt indes manches auf der Strecke.

vonPatrick Erb,

Lacht das Publikum erst einmal, ist die Schlacht um seine Gunst halb gewonnen. Doch bis dahin ist es nicht selten ein weiter Weg. Barrie Kosky allerdings kennt einige Schleichpfade dorthin. Denn er versteht sich bestens darauf, seine Darsteller tanzen und verrückt spielen, ja sogar die Requisiten selbst in Bewegung geraten zu lassen. Vieles an dieser erheiternden Bühnenchoreografie ist längst zu seinem Markenzeichen geworden. Auch seine Umsetzung von Gioachino Rossinis „Il viaggio a Reims“ – einem einzigartigen Amalgam aus Komödie, Farce und Herrscherhuldigung –, die bereits zu Pfingsten bei den Salzburger Festspielen Premiere feierte und nun wiederaufgenommen wurde, ist reich an Koskyismen – und daher eine unterhaltsame, bodenständige und populäre Produktion. Nicht für jedermann, aber für viele.

Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“
Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“

Komisches Ausstattungstheater, das keineswegs Selbstzweck ist

Bereits in der instrumentalen Introduktion überschlagen sich in Koskys Hotel die Sinneseindrücke: Pagen rennen einander beim Gepäcktragen über den Haufen, stürmen durch die Drehtür ein und aus und bewegen sich wie die Steine eines Rechenschiebers vom linken Bühnenrand zum rechten. Alles wirkt wie eine Persiflage auf die Entmenschlichung des Menschen durch eine industrielle Abfertigung, die nach Humankapital dürstet. Dabei kehrt manchmal ein Page mehr zurück, als zuvor hinausgehuscht ist. Doch hier mischt auch die ebenso vornehme und bunt gewandete wie charakterlich aufs Feinste ausdifferenzierte Adelsgesellschaft aus allen Ecken Europas mit. Deren Unterfangen, der Krönung Karls X. in Reims beizuwohnen, scheitert auf halber Strecke an den Grenzen des Gasthauses „Goldene Lilie“. Die europäische Familie also unter sich – ebenso vielfältig wie ihre seidig in Pastelltönen erstrahlende Garderobe.

Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“
Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“

Bodenständiger Humor mit Kosky-Regiehandwerk

Für Kosky ist es ein Kinderspiel, hier die ureigene Eigenschaft der Komödie – die Verballhornung nationaler Stereotype – im Sinne Rossinis vollends auszuwalzen. Und zwar in den Kostümen ebenso wie im Schauspiel selbst: So wirkt etwa der deutsche Barone di Trombonok, von Misha Kiria körperlich tragend und stimmlich präsent interpretiert, erst durch seinen preußisch-ernsten Drill und den Willen, das Kommando zu übernehmen, urkomisch; der Engländer Lord Sidney (galant: Ildebrando D’Arcangelo) erscheint ganz bewusst dandyhaft, weltfremd und weich, während sich der russische Conte di Libenskof (lyrisch: Dmitry Korchak) als Romantiker von ungestümer, verliebter Natur zeigt – und so fort.

Doch bei den Klischees, wie sie gegen Ende während jenes Banketts durchexerziert werden, das für das Scheitern der Reise entschädigen soll und in dessen Verlauf zahlreiche vom jeweiligen Kolorit geprägte Hymnen und Weisen erklingen, bleibt es nicht. Zumindest nicht nur. Vielmehr lässt Kosky die Figuren über weite Teile dieses einzigartig langen Einakters im Hotelflur von Tür zu Tür jene Liebes- und Beziehungsintrigen durchexerzieren, die einer Komödie ebenso ureigen sind, wie ein langer Flur mit starker Raumflucht ihrer Drastik entgegenkommt. Das beständige, kraftvolle Zuschlagen der Türen verfehlt seine komische Wirkung nicht; doch angesichts der Dauer des Stücks braucht es Kondition für diese im Geiste Kind gebliebene Form der Komik.

Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“
Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“

Fehlendes dynamisches Feingefühl

Hier dürfte auch Gianluca Capuano, der stets präzise phrasiert und auf einen vollen Streicherklang setzt, dem Affen zu viel Zucker geben: Im durch Chor und Ensemble ohnehin übervölkerten Haus für Mozart drehen er, der Chor der Oper in Monte Carlo und das dortige hauseigene Barockensemble Les Musiciens du Prince den Lautstärkeregler voll auf und schaltet für die Koloraturarien nur gelegentlich etwas zurück – sofern diese nicht ohnehin allein von der Harfe begleitet werden.

Ein wichtiges Merkmal ist allerdings das Reiseziel, das Kosky neu auslotet. Denn nicht nach Paris und nicht zu Karl X. zieht die Gesellschaft, sondern zum „Aftershowdinner“: Paris kommt zu ihr – in Form einer Torte. Und dass in dieser kein gekrönter reaktionärer französischer König der 1830er-Jahre steckt, sondern Cecilia Bartoli steht, die Primadonna Salzburgs, ist eine nette Spielart zum 60. Geburtstag der Sopranveteranin: In Salzburg darf nur eine herrschen – und das ist Bartoli. Selbstverständlich singt sie die koloraturreiche Partie der Corinna fein intoniert; mit zwei großen Arien hat sie eine mehr zu bewältigen als die übrigen Mitglieder des zehnköpfigen Solistenensembles. Leider hat dies nur technisch Substanz; dynamisch lässt La Bartoli schon lange Federn. Denn weitaus erfrischender gestalten schließlich Marina Viotti als polnische Marchesa Melibea und Tara Erraught als Gastwirtin Madama Cortese ihre hemdsärmeligen Partien: prägnant, unaffektiert und klar akzentuiert.

Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“
Szenenbild aus „Il viaggio a Reims“

„Così fan tutte“ in voller Länge

In seiner erweiterten „Così fan tutte“-Fassung – der erste Versuch im Jahr 2020 fiel den Corona-Restriktionen zum Opfer und konnte nur mit einigen Kürzungen gezeigt werden – beschreitet Christof Loy, anders als Kosky, einen dezenteren Weg, der umso stärker die Interaktion der Figuren selbst ins Zentrum rückt. Er kennt keine Abkürzungen und bleibt eng an der genuinen Psychologie des Werks und seiner Handlung, die in fehlender Moral und der Desillusionierung beider Geschlechter mündet.

Anzeige

Szenisch bleibt das Ganze nüchtern. Die weiße, holzvertäfelte Bühne ist bloßer Horizont; zwei Türen dienen den Auf- und Abgängen. Nur einmal öffnet sich in der Mitte ein Spalt und gibt den Blick auf einen Baum frei, der als abstraktes Sinnbild ausgelassener Flanierqualitäten dient. Ebenso nüchtern wirkt der Businesschic der schwarzen Kostüme und Anzüge, einzig unterminiert durch die hier offen als fremdartig gebrandmarkten Wander- und Touri-Outfits der „Heimkehrer“ Guglielmo und Ferrando.

Szenenbild aus „Così fan tutte“
Szenenbild aus „Così fan tutte“

Darsteller im Fokus

Umso stärker ist die Inszenierung auf die Qualität ihrer Sänger angewiesen, sollen sie doch der genau austarierten Tonartenpsychologie und den deklamatorischen Feinheiten in jenen Rezitativen nachspüren, die Mozart mit nahezu durchkomponierter Stringenz ineinanderfügt. Das gelingt hier einem meisterhaften Sextett mit großer Mozart-Expertise: Elsa Dreisig als Fiordiligi und Victoria Karkacheva als Dorabella füllen die von Loy gestärkte Präsenz der Frauenfiguren voll aus, auch wenn er beide als Rollentypen zu ähnlich definiert. Kongenial gerät Lea Desandres flexible Darbietung als Hausmädchen Despina, eine darstellerisch höchst dankbare Partie mit den typischen buffonesken Elementen der Stimmverstellung, Verkleidung und wehleidigen Überbetonung. Johannes Martin Kränzle gibt den zynischen Initiator der Wette, Don Alfonso, vor allem mit paternaler Grandezza, ohne darstellerisch allzu sehr hervorzutreten.

Szenenbild aus „Così fan tutte“
Szenenbild aus „Così fan tutte“

Starke Sänger, Dirigat mit Unebenheiten

Bariton André Schuen fügt sich als Guglielmo mit voller schauspielerischer wie stimmlicher Wirkung in das Bild des durch die selbst provozierte Farce geschassten jungen Heiratskandidaten. Wohingegen sich die Wahl des lyrischen Tenors Bogdan Volkov, der als unvergleichlicher Meister jedweder sentimentalen russischen Heldenrolle gelten darf, nicht durchweg glücklich erweist: Sein zartes Timbre kann das Große Festspielhaus nicht immer vollumfänglich ausfüllen.

Schließlich finden auch die in symphonischer Breite aufspielenden Wiener Philharmoniker unter Joana Mallwitz nicht vollends zu einem scharf konturierten Mozart-Klang. Mallwitz, freilich um zügige Tempi bemüht, schafft es nicht immer, dem satten Klang des Orchesters ein individuelles Profil zu entlocken. Das klingt zwar grundsätzlich gut; hat man jedoch Adam Fischers transparenten und zackigen „Lucio Silla“ als Mozart-Kontrapunkt noch im Ohr, liegen zwischen diesen Ästhetiken musikalisch ebenso Welten wie szenisch zwischen den beiden Komödien.

Salzburger Festspiele
Rossini: Il viaggio a Reims

Gianluca Capuano (Leitung), Barrie Kosky (Regie) Rufus Didwiszus (Bühne), Victoria Behr (Kostüme), Franck Evin (Licht), Stefano Visconti (Chor), Cecilia Bartoli, Marina Viotti, Mélissa Petit, Tara Erraught, Edgardo Rocha, Dmitry Korchak, Ildebrando D’Arcangelo, Florian Sempey, Misha Kiria, Peter Kellner, Giovanni Romeo, Helena Rasker, Rodolphe Briand, Rafał Pawnuk, Federica Spatola, Galia Bakalov, Salvatore Taiello, Chœur de l’Opéra de Monte-Carlo, Les Musiciens du Prince Monaco

Mozart: Così fan tutte

Joana Mallwitz (Leitung), Christof Loy (Regie), Johannes Leiacker (Bühne), Barbara Drosihn (Kostüme), Olaf Winter (Licht), Jozef Chabroň (Chor), Elsa Dreisig, Victoria Karkacheva, Andrè Schuen, Bogdan Volkov, Lea Desandre, Johannes Martin Kränzle, Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker

Auch interessant

Rezensionen

Anzeige
  • „Yvonne Loriod war eine Pionierin“
    Interview Kent Nagano

    „Yvonne Loriod war eine Pionierin“

    Kent Nagano hat sich Yvonne Loriods musikalischem Nachlass verschrieben. Beim Musikfest Berlin bringt er erstmals ein Werk der bislang als Komponistin kaum bekannten Französin zu Gehör.

Anzeige

Newsletter

Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach: frische Klassik!

Anzeige