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Opern-Kritik: Salzburger Festspiele – Carmen

Debütantinnen-Erfolg

(Salzburg, 26.7.2026) Allein Sopranistin Asmik Grigorian und Tenor Jonathan Tetelman entschädigen für viele uneingelöste Versprechen von Regie und Musikalischer Leitung: In dieser „Carmen“ sollen viele Elemente neu sein, erweisen sich aber eher als gewollt denn gekonnt.

vonRoland H. Dippel,

Kurze bis heftige Applaus-Attacken zerfurchten die Opern-Eröffnungspremiere des Salzburger Festspielsommers 2026: Dabei sind bei dieser „Carmen“ wesentliche Zugpferde von Markus Hinterhäusers Salzburg-Ägide im Boot. Der durch Qualität und Feuilleton-Kreuzfeuer äußerst ungleichmäßig erscheinende Dirigent Teodor Currentzis mit seiner Manie, alles anders machen zu wollen. Dann die immer durch Authentizität und innere Energie fesselnde Sopranistin Asmik Grigorian in der durch die Aufführungstradition Mezzosopranen zugesprochenen Titelpartie. Mit dem Alter von 151 Jahren ist dieser hybride Höhepunkt der Gattung Opéra comique weder alt noch weise noch angestaubt: Georges Bizets Titelfigur und das Novellen-Vorbild von Prosper Mérimée gelten heute allerdings nicht mehr als Ikonen von Frauen-Freiheit und tödlichem Beziehungsabenteuer, sondern als Exzellenz-Abschreckung mit toxischen Zuschreibungen aus der Koboldküche des Patriarchats.

Szenenbild aus „Carmen“
Szenenbild aus „Carmen“

Steiles Tanztheater

Die an ihrem Kompanie-Standort Brüssel gefeierte und in Salzburg für ihr Musiktheater-Regiedebüt geschätzte Choreographin Gabriela Carrizo freute sich nach langen Jahren an weniger gut ausgestatteten Theatern über die Bühne des großen Festspielhauses. Einfachste Lösung für die Luxus-Werkstatt Salzburg: Man verzichte „radikal“ auf die prägnanten Dialoge von Ludovic Halévy und Henri Meilhac, aber auch auf Ernest Guirauds Rezitative. Auf die in allen Kultursparten wild schillernde Rezeptionsgeschichte setzen die argentinische Choreographin mit ihrem Tanzensemble Peeping Tom und die für sie seit 2020 unverzichtbare Raphaëlle Latini mit Ko-Regie und Sounddesign noch eins drauf. Mit verbissener Anstrengung und Carrizos unliebsamer wie arroganter Festsetzung, dass Sängerdarstellende eh nur stören und man deren Gesichter und Persönlichkeiten deshalb über weite Strecken wegleuchtet („luzider“ Mittäter: Tom Visser).

Anders wurde das erst in der Schlussszene: Da sind der bislang zu häufig forcierende Jonathan Tetelman und die bewundernswert unbeirrbare Grigorian endlich allein auf der Bühne. Und da wagen sie trotz Currentzis’ orchestraler Dauerrandale endlich mehr Piano. Das wird letztlich doch noch spannend, wenn der derangierte Ex-Liebhaber Don José die ihn mit sanftem Nachdruck abwehrende Carmen wie ein Torero den Stier mit vier Stichen erlegt – erst in den Nacken, dann vorne, hinten und immer tiefer in den Unterleib.

Szenenbild aus „Carmen“
Szenenbild aus „Carmen“

Ekstase-Aufruhr im Arenakrater

Kostüme gibt es bei Christof Hetzer in einer grauen Kratermulde wie bei der Fremdenlegion: Die Soldaten in adretter Düsternis, der Tanz-Torero auf dem langen Tisch glitzert mit machoid zerbrechlicher Virilität, und im Kartenterzett, ab dem Carmen die Gewissheit ihres baldigen Todes akzeptiert, planscht ein Carmen-Double in einem Minipool. Damit auch alle wissen, was Sache ist, gibt es eine Madonnen-Prozession und eine stürzende Heiligenfigur. Die getanzten Haupt- und Parallelszenen sind die Hauptsache, die Solisten gut hinter diesen Bagatellen versteckt und – vor allem die Frauen – mit Kleiderwechseln ausgiebig beschäftigt. Der Utopia Choir, Bachchor Salzburg, Salzburger Festspiele- und Theater-Kinderchor (Einstudierung: Vitaly Polonsky, Wolfgang Götz, Regina Sgier, Michael Schneider) gewährleisten Klang- und Personenfülle.

Kein Wunder, dass José weg will von einer biederen Mutter, die ihm mit ihren Beförderungsansprüchen auch noch die von ihr ausgesuchte Braut Micaela aufdrückt. Das ist zu sehen, anderes Wesentliches dagegen nicht. Aber Carmen weiß schon beim ersten Zapfenstreich, dass José ein ganz schwerer Lover-Brocken ist, und wirft sich zum Tanzen deshalb reichlich Alkohol ein. Mehrere Teller zertrümmert sie, die ein desolater Junker in der Schenke des Lillas Pastia soeben unter strenger Frauenaufsicht frisch gespült hat.

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Szenenbild aus „Carmen“
Szenenbild aus „Carmen“

Erschlagendes Musikdrama

Druck macht auch das Bizets mediterranes Leuchten eigentlich ideal einfangende Utopia Orchestra. Currentzis lässt in ganz großer Besetzung spielen. Bei ihm, der kaum auf die Bühne blickt, erklingt die Partitur in der exzessiven Manie eines überanstrengten Wagner-Epigonen mit Rückfallgefahr in alte Opernmuster. Zugegeben: Einige samtene, aber dadurch sinnbefreite Stellen gibt es. Aber das Schmugglerquintett wird frontal ins Auditorium geschmettert. Das geht zu Lasten der laut ausholenden Sänger Michael Arivony (Le Dancaïre) und Mingjie Lei (Le Remendado), Iveta Simonyan (Frasquita) und Anita Monserrat (Mercédès). Sogar Liviu Hollender (Moralés) klingt weitaus unprofilierter als an seinem Stammhaus Frankfurt am Main. Matthias Winckhler (Zuniga) war kaum zu hören. Und leider musste die schönstimmige Kristina Mkhitaryan (Micaëla) im ersten Akt wegen Currentzis’ Rücksichtslosigkeit gegenüber Singenden forcieren. Der für die heikle Partie des Escamillo fürwahr ideale Davide Luciano sang das Torerolied im Dunkeln.

Schade: Was nützt es, wenn Grigorian mit überragender Einfachheit alle Argumente für eine Carmen ohne zingaristischen Hintergrund setzt und das niemand sehen darf? Mit ebensolcher Ruhe beginnt Grigorian die Habanera, mit der sie sich aus der Chor-Anonymität herausschält. Jonathan Tetelman wäre mit einem sensibleren Dirigat ein guter, vielleicht sogar sehr guter José. Für ihn jubelt das Publikum besonders.

Auf die mit der französischen Stiftung Bru Zane rekonstruierten Uraufführungsinszenierung und gewitzte Überschreibungen wie am Berliner Gorki Theater folgt hier das uneingelöste „Carmen“-Versprechen der sich an früheren Deutungen überfressenden Gabriela Carrizo. Neu waren nur die blasiert und antiquiert wirkenden Sounddesigns von Raphaëlle Latini. Am Ende lagen sich Grigorian und Tetelman lange in den Armen. Einigkeit macht stark: Trotz massiver Widerstände war diese Premiere durch die beiden und Davide Luciano ein Grund zum Feiern.

Salzburger Festspiele
Bizet: Carmen

Teodor Currentzis (Leitung), Gabriela Carrizo (Regie & Choreografie), Christof Hetzer (Bühne & Kostüme), Tom Visser (Licht), Raphaëlle Latini (Mitarbeit Regie & Sounddesign), Vitaly Polonsky, Michael Schneider, Wolfgang Götz & Regina Sgier (Chor), Asmik Grigorian, Jonathan Tetelman, Kristina Mkhitaryan, Davide Luciano, Iveta Simonyan, Anita Monserrat, Matthias Winckhler, Liviu Holender, Michael Arivony, Mingjie Lei, Eurudike De Beul, Amparo Cortés, Fons Dhossche, Boston Gallacher, Balder Hansen, Chey Jurado, Seungwoo Park, Romeu Runa & Eliana Stragapede von Peeping Tom, Utopia Choir, Bachchor Salzburg, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, Utopia Orchestra



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