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Interview Michael Volle

„Am Ende zählt die künstlerische Wahrheit“

Über Wagner kam Michael Volle zur Oper – und von Mannheim bis nach Bayreuth, wo er dieses Jahr als Wotan im sogenannten „KI-Ring“ zu erleben ist.

vonPatrick Erb,

Dass Bodenständigkeit eine zentrale Rolle im Leben von Michael Volle spielt merkt man insbesondere im Gespräch, wenn das Süddeutsche in der Stimme zum Vorschein kommt. Kaum zu glauben, dass sich dahinter einer der großen Wagner-Baritone unserer Zeit verbirgt. Auf dem Weg dahin hatten jedoch Herkunft, Glaube und Prägung einen nicht unwesentlichen Anteil.

Sie sind im Schwarzwald geboren und aufgewachsen. Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit der Oper?

Michael Volle: Freudenstadt ist zwar mein Geburtsort, da mein Vater aber Pfarrer war, zog unsere Familie früh mehrfach um – erst nach Calw und später nach Nürtingen. Oper spielte in meiner Kindheit allerdings praktisch keine Rolle. Meinen Vater begeisterte vor allem der Barock: Bach, Händel, Schütz. Das war die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Diese Welt schätze ich bis heute, vielleicht sogar mehr denn je. Mit Oper kam ich vergleichsweise spät in Berührung, von einem Berufswunsch konnte überhaupt keine Rede sein. Es dauerte bis ins Studium hinein, ehe sich dieser Weg abzeichnete.

Wie kam es dazu, dass Sie Opernsänger wurden?

Volle: Ich bin da auf Umwegen hineingewachsen. Musik war bei uns enorm präsent. Ich bin das jüngste von acht Kindern, jeder musste ein Instrument lernen. Es gab Hausmusik, Kirchenchor, Posaunenchor, Choräle, Triosonaten an Weihnachten … Damals manchmal lästig, rückblickend ein großes Geschenk. Ich war auf einem musischen Internat bei Tübingen, wo Geige zur Fachpraxis dazugehörte. Weitere Bausteine waren dann das Singen und Spielen im Ensemble. Später lernte ich durch den Landesjugendchor wichtige Mentoren kennen. Besonders prägend war Manfred Schreier, der mich an anspruchsvolle Chormusik und das A-cappella-Repertoire der Renaissance und Neuzeit heranführte. Eine völlig neue Welt.

Zum Solisten wurden Sie dann wie?

Volle: 1985 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern der Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Dort sang ich bereits solistisch, obwohl ich noch keine klassische Gesangsausbildung absolviert hatte. Parallel ergaben sich erste Opernproduktionen, doch all das geschah eher organisch als mit einem klaren Karriereziel vor Augen. Nach dem Zivildienst begann ich zunächst ein Studium der Sonderschulpädagogik, stellte jedoch rasch fest, dass mich die praktische Musikarbeit weitaus stärker anzog. Inzwischen war ich bei der Bratsche angekommen, nahm weiterhin Gesangsunterricht und stand schließlich vor der Entscheidung, welchen Weg ich einschlagen sollte. Letztlich sprach alles für den Gesang. Es folgte das Gesangsstudium, später die Zeit im Südfunk-Chor Stuttgart, bevor 1990 am Nationaltheater Mannheim meine eigentliche Opernlaufbahn begann.

Wann haben Sie gemerkt, dass Wagner Ihnen besonders liegt?

Volle: Während meiner Zeit beim Südfunk-Chor durfte ich zweimal als Zusatzchorist bei Wagner-Produktionen mitwirken. Einmal beim „Fliegenden Holländer“, vor allem aber beim „Tannhäuser“. Ich stand als Teil des Pilgerchors auf der Bühne, völlig unerfahren, mit einer Kutte bekleidet und frontal ins Publikum singend. Diese brachiale Kraft jenseits von Mikrofonsingen und Studioarbeit war unglaublich. Im Studium kamen zunächst kleinere Wagner-Partien hinzu, später Wolfram im „Tannhäuser“, und irgendwann rückten die größeren Rollen in den Blick.

Sie haben den Hintergrund der württembergischen Pfarrerfamilie bereits erwähnt. Welche Rolle spielt der Glaube heute für Sie?

Volle: Der klassische Glaubensbegriff ist mir heute vielleicht nicht mehr so nah wie früher. Spiritualität spielt für mich aber eine große Rolle. Ich bin davon überzeugt, dass es mehr gibt als bloße Materie. Gerade in der Musik erlebt man Momente, die sich kaum rational erklären lassen. Bei mir gehört Bach dazu. Sonntagmorgens lege ich oft Bach auf – was meine Kinder sehr lustig finden. Für mich ist er der Inbegriff einer anderen Welt. Schon wenige Takte einer Motette, eines Brandenburgischen Konzerts oder einer Orgelkomposition können mich tief berühren. Deshalb bedaure ich manchmal, dass die Kirchenmusik und insbesondere Bach in meinen Auftritten wenig präsent sind. Für mich besitzen sie nach wie vor eine enorme Bedeutung.

Sie sprechen häufig von Demut. Wo begegnet sie Ihnen im Opernbetrieb?

Volle: Die Opernwelt ist natürlich auch von Eitelkeiten und Konkurrenz geprägt. Umso dankbarer bin ich meiner Herkunft, die mir geholfen hat, die Bodenhaftung zu bewahren. Für mich ist es selbstverständlich, dem Pförtner ebenso freundlich Guten Morgen zu sagen wie dem Intendanten. Man erlebt allerdings immer wieder Menschen, die irgendwann glauben, sich in anderen Sphären zu bewegen. Das halte ich für gefährlich. Wir haben einen besonderen Beruf, aber deshalb sind wir keine besonderen Menschen. Ich sehe meine Stimme als Geschenk und meine Begabung als großes Glück.

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Ihr Bruder Dietrich Volle ist ebenfalls Bariton. Wie beeinflusst das die familiären Beziehungen?

Volle: Das ist natürlich ein sensibles Thema (lacht). Zwei Familienmitglieder im selben Beruf, noch dazu in einem ausgesprochen konkurrenzgeprägten Umfeld, das ist nicht immer einfach. Mein Bruder hat eine wunderbare Karriere gemacht und ist bis heute aktiv. Über die Jahre hat es aber immer wieder gemeinsame Projekte gegeben, zuletzt ein Weihnachtsprogramm mit unserem schauspielernden Bruder und einem Neffen, der ebenfalls professioneller Sänger ist. Solche Momente zeigen, wie stark das musikalische Erbe unserer Eltern wirkt. Dafür sind wir alle sehr dankbar. Musik ist eine enorme Bereicherung des Lebens – unabhängig davon, ob man sie beruflich oder privat betreibt.

Sie gelten als einer der großen Interpreten des deutschsprachigen Repertoires. Worin liegt für Sie der Reiz dieser Musik?

Volle: Das war gar nicht ausschließlich meine eigene Entscheidung. Unser Beruf funktioniert oft über Schubladen. Seit meinem Bayreuth-Debüt als Beckmesser vor zwanzig Jahren wurde ich immer stärker mit dem deutschen Fach identifiziert: Wagner, Strauss, große Baritonrollen. Das ist wunderbar, gleichzeitig vermisse ich Mozart sehr. Neben Bach gehört er zu meinen musikalischen Zentren. Ich könnte sofort wieder den Grafen Almaviva oder Don Giovanni singen. Trotzdem bin ich dankbar für das, was ich singen darf. Nach 36 Jahren auf der Bühne kann ich wirklich sagen: Ich habe sehr viel erlebt.

Seit 2011 arbeiten Sie freischaffend. Wie verändert das die Perspektive auf den Beruf?

Volle: Ich war 21 Jahre lang Ensemblemitglied – von Mannheim über Bonn und Düsseldorf bis nach Zürich und München. Das hat viele Vorteile. Man ist abgesichert, man gehört zu einem Haus, man hat eine gewisse Stabilität. Als Freischaffender gewinnt man Freiheit, aber auch Verantwortung. Wenn man krank wird, verdient man kein Geld. Das ist die Realität. Der Druck steigt dadurch erheblich. Gleichzeitig lernt man, sorgfältiger mit den eigenen Ressourcen umzugehen. Nach vielen Jahren entwickelt sich eine positive Routine. Man weiß, was der Körper braucht und was nicht. Heute schätze ich vor allem die Möglichkeit, gezielter auszuwählen. Ich muss nicht mehr alles machen. Das ist ein großes Privileg.

Der Wotan aus Wagners „Ring“ zählt zu Michael Volles bekanntesten Rollen
Der Wotan aus Wagners „Ring“ zählt zu Michael Volles bekanntesten Rollen

Bayreuth gilt für viele Sänger als Sehnsuchtsort. Was macht den Grünen Hügel so besonders?

Volle: Bayreuth ist längst nicht mehr das einzige Zentrum für großen Wagner, aber es bleibt ein einzigartiger Ort. Dieses Theater, der verdeckte Orchestergraben und die besondere Akustik schaffen eine Atmosphäre, die man anderswo nicht erlebt. Als junger Stipendiat hörte ich dort zum ersten Mal das „Rheingold“: Das Licht erlischt, man sieht weder Dirigent noch Orchester, und plötzlich entsteht dieser Es-Dur-Klang scheinbar aus dem Nichts. Das ist magisch. Dazu kommt die Geschichte des Hauses – ein Theater, das ein Komponist ausschließlich für seine eigenen Werke bauen ließ. Das bleibt etwas Besonderes.

Die Bayreuther Festspiele feiern in diesem Jahr ihr 150-jähriges Jubiläum. Ist Bayreuth eine Erfolgsgeschichte?

Volle: Auf jeden Fall. Gleichzeitig hat Bayreuth einen Teil seines Mythos verloren – und das ist durchaus positiv. Früher war Bayreuth nahezu konkurrenzlos, heute steht es in einem internationalen Wettbewerb mit vielen hervorragenden Wagner-Zentren. Das zwingt dazu, das Niveau ständig hochzuhalten. Gerade musikalisch darf man keine Kompromisse machen. Wenn Bayreuth eine herausgehobene Stellung beansprucht, müssen dort die besten Dirigenten, die besten Sänger und die bestmöglichen künstlerischen Bedingungen zusammentreffen. Das ist angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen nicht leicht.

In diesem Jahr singen Sie Wotan im sogenannten KI-Ring. Was erwartet das Publikum?

Volle: Ehrlich gesagt: Ich weiß es selbst nicht genau. Die künstliche Intelligenz wird mit einer enormen Menge an Material aus 150 Jahren Rezeptionsgeschichte gefüttert. Spannend ist, dass keine Vorstellung der anderen gleichen soll. Es gibt also kein festes Bühnenbild und keinen statischen Ablauf der Projektionen. Wir Sänger werden hinter einem Gazevorhang stehen und uns sehr stark auf die musikalische Seite konzentrieren können – auf Christian Thielemann und das Festspielorchester. Was die KI daraus macht und welche Bilder entstehen, wird sich zeigen. Ich bin selbst äußerst neugierig.

Welche Rolle werden neue Technologien künftig in der Oper spielen?

Volle: Da bin ich durchaus skeptisch. Ich gebe offen zu, dass mir die Entwicklung der künstlichen Intelligenz auch gesellschaftlich manchmal Sorgen bereitet. Für die Oper selbst sehe ich die Sache gelassener: Keine KI der Welt wird das Live-Erlebnis ersetzen können. Oper lebt von der unmittelbaren Begegnung zwischen Bühne und Publikum. Natürlich kann Technik sinnvoll eingesetzt werden, aber man darf nicht jedem neuen Trend hinterherrennen. Entscheidend bleibt, ob eine Inszenierung etwas Eigenes und Überzeugendes erzählt. Werden technische Mittel zum Selbstzweck, lenken sie eher ab. Am Ende zählt die künstlerische Wahrheit – nicht die Technologie.

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