Was verrät ein Pianist über sich selbst, wenn er spontan auf fremde Interpretationen reagiert? Zum Beispiel, dass er sich einmal mit einer Lüge richtig in die Nesseln gesetzt hat! Alexander Krichel spricht über Klangvorstellungen, technische Finessen und persönliche Vorlieben – und zeigt dabei, wie genau er zuhört. Mal erkennt er Vertrautes sofort, mal führt ihn sein erster Eindruck auf eine überraschende Fährte.
Ravel: Menuet antique
Seong-Jin Cho. DG 2015
Das hat etwas Pastelliges. Barocke Momente, ohne selbst barock zu sein – dafür sind die Harmonien an einigen Stellen einfach zu anders. Ist das Ravel? Eigentlich habe ich doch so ziemlich alles gespielt. „Tombeau“ ist es jedenfalls definitiv nicht. „Menuet antique“ … Das klingt jetzt total hochtrabend, aber ich dachte, wenn es Ravel wäre, würde ich es sowieso wissen, darum ist er es sicher nicht (lacht). Okay, interessant. Das ist die Zeit, in der die Komponisten oft Anleihen beim Barock genommen haben: Enescu, Debussy, Franck. Wer könnte das eingespielt haben? Jedenfalls kein Franzose, der wäre anders ausgebildet. Ich finde es sehr unfranzösisch. Der Pianist hat alle Klavierwerke Ravels gespielt? Dann ist es Seong-Jin. Das passt auch zu seinem sehr klaren Stil!
Prokofjew: Klaviersonate Nr. 6 op. 82 – 1. Allegro moderato
Giorgi Gigashvili. Alpha 2026
Natürlich Prokofjews Klaviersonate Nr. 6 aus den „Kriegssonaten“, aber interpretatorisch bin ich an einigen Stellen gestolpert, weil da irgendwie einmal zu viel Luft geholt wurde. Natürlich sind diese Sarkasmen bei Prokofjew intendiert, aber das hat eine starke Gravitation nach unten. Das ist kein russischer Künstler, nicht wahr? Giorgi Gigashvili? Den kenne ich persönlich! Na gut, der ist natürlich sehr eigenwillig, der macht so unberechenbare Sachen. Ich hatte ihn in meiner Solinger Konzertreihe mit jungen Künstlern, da hat er Prokofjew gespielt. Künstlerisch ist er sehr wandelbar. Dennoch: Wenn Sie mir wie bei „Wer wird Millionär?“ vier Pianisten hingestellt hätten, wäre ich nicht auf ihn gekommen.
Mozart: Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271 – 3. Rondeau. Presto
Jan Lisiecki, Bamberger Symphoniker, Manfred Honeck (Leitung). DG 2026
„Jeunehomme“! Das war mein erstes Klavierkonzert, das ich als 16-Jähriger auf der Bühne gespielt habe. Ich sollte es an Silvester in der Bremer Glocke spielen. Mein Agent rief mich anderthalb Monate zuvor an. Er wollte sichergehen, dass alles in Ordnung war, was ich natürlich bejahte. Ich hatte nicht einmal die Noten. Er sagte: „Das ist fantastisch, wenn Sie es schon können. Es gibt eine Einspringeranfrage in vier Tagen in der Slowakei.“ Ich konnte ja nicht sagen, dass ich gelogen hatte, also habe ich mir die Noten gekauft, vier Tage lang nicht gegessen, nicht geschlafen, nur geübt und es dann gespielt. Auswendig. Es gibt sogar eine Aufnahme von dem Abend. Ich habe das Gefühl, das Orchester spielt hier in dieser Aufnahme mit mehr Witz als der Pianist. Diese Pluralität an Klangfarben, nicht träge, total an der Stuhlkante gespielt – die haben richtig Lust. Beim Klavier ist es für meinen Geschmack an einigen Stellen ein bisschen zu viel Bass, dadurch verliert es diese Leichtigkeit. Das ist Jan mit den Bambergern? Mit Manfred Honeck? Ja klar, Honeck kann das.
Rameau: Les Cyclopes
Víkingur Ólafsson. DG 2020
Ach ja, das Stück mit den Zyklopen … Das ist Rameau oder Couperin, nicht? Ja, genau, Rameau. Ich habe das Gefühl, das ist so ein Stück, das vor ein paar Jahren niemand kannte, bis Sokolov es als Zugabe gespielt hat. Jetzt ist es unglaublich populär. Das spielt Víkingur. Er hat einen ganz eigenen Zugang zum Barock. Ich liebe ja Bach und den Barock. Ich habe mich viel mit diesen Stücken beschäftigt, auch mit Couperin, um den Impressionismus besser zu verstehen.
Schubert: Fantasie f-Moll D 940 – 1. Allegro molto moderato
Leif Ove Andsnes & Bertrand Chamayou. Erato 2025
Wunderschöner Anfang. Pure Magie. Aber das ist auch wichtig bei Schuberts Fantasie. Allen im Publikum und auf der Bühne ist klar: Ab Sekunde eins muss gezaubert werden. Anders geht es nicht. Es ist nach dem verträumten Anfang etwas aggressiv gespielt. Ich glaube nicht, dass es die Jussen-Brüder sind. Kein festes Duo? Okay. Unten spielt jemand mit sehr viel Temperament, oben jemand mit sehr schönem Klang – ich sage lieber nicht, was meine Vermutung ist (lacht). Andsnes und Chamayou – darauf wäre ich nicht gekommen.
Debussy: Les Sons et les parfums tournent dans l’air du soir
Pierre-Laurent Aimard. DG 2012
Ich finde es immer so lustig, wenn man Sachen selbst gespielt hat und mit den Fingern ein wenig mitspielt, auch wenn es inzwischen zehn, zwanzig Jahre her ist … Auf jeden Fall etwas Französisches, Impressionistisches. Debussy? Es ist sicher eines der Préludes. Und diesmal spielt ein Franzose! Könnte es Alexandre Tharaud sein? Die Aufnahme ist auch nicht mehr ganz neu. Er hat ein Faible für Neue Musik? Aimard? Er hat sehr schöne Farben, aber man merkt auch, dass da jemand spielt, der analytisch denkt. Sehr durchdacht. Wenn ich mir zu Hause das Stück erarbeite, dann durchdringe ich das Werk, aber auf der Bühne verdränge ich das gerne und lasse meiner Intuition freien Lauf. Aimard ist jemand, den ein Stück kognitiv eigentlich nie loslässt.
Rachmaninow: Klavierkonzert Nr. 4 – 1. Allegro vivace
Vladimir Ashkenazy, London Symphony Orchestra, André Previn (Leitung). Decca 1972
Rach 4! Zu meinem Debüt mit Rachmaninows viertem Klavierkonzert bei den Dortmunder Philharmonikern gibt es eine lustige Geschichte. Es gibt drei Fassungen davon, aber da die Konzerte Nr. 2 und Nr. 3 sehr viel populärer sind, weiß das niemand. Der Dirigent Gabriel Feltz und ich hatten die finale Version, das Orchester die Erstfassung. Das ist natürlich schnell aufgefallen. Versuchen Sie aber einmal, innerhalb weniger Stunden die kompletten Orchestersätze zu bekommen. Wir haben es dann per Kurier aus Berlin bringen lassen. Ein wirklich besonderes Konzert, ein ganz anderer Rachmaninow als zuvor. Es ist ein alter Klang, irgendwie null Prozent weichgespült. Man hört die russische Schule heraus, es geht in Richtung Horowitz. Es hat diese Energie und Kraft nach vorne … Aber es ist nicht Martha? Swjatoslaw Richter. Auch nicht? Ashkenazy?! Natürlich – mit dem London Symphony Orchestra und André Previn. Das ist jetzt so peinlich, weil Ashkenazy ja auch einer der Helden meiner Kindheit ist.
Field: Nocturne Nr. 1 Es-Dur
Alice Sara Ott. DG 2025
Das geht in Richtung „Lieder ohne Worte“, aber ich bin mir nicht sicher. Es hat diese schöne Kantilene und die unaufgeregte harmonische Begleitung. Sehr süßlich, und alles ist rhythmisch klar ausgezählt. Es hat etwas Edukatives. Ein Nocturne ist das? Ach, dann ist es … John Field. Es ist sehr ordentlich gespielt, fast brav. Moment, hat Alice das nicht kürzlich aufgenommen? Ich weiß, dass es diese Stücke gibt, aber ich kenne mich damit tatsächlich nicht so gut aus. Aber klar: Wenn man nach dem Erfinder der Nocturne fragt, denkt jeder zunächst an Chopin und nicht an Field.
R. Strauss: Burleske
Yuja Wang, Gewandhausorchester, Andris Nelsons (Leitung). DG 2022
Hm, ist das nicht Bartók? Ach, Quatsch, Strauss’ „Burleske“. Das ist so gefährlich, wenn man Stücke selbst gespielt hat und denkt: „Ach ja …“ Nein, Moment, falsche Schublade. Das Stück ist sehr schwer mit dem Orchester abzustimmen. Sehr rhythmisch, da muss man wach sein. Es ist eine gute Aufnahme, wie ich finde, da das Verhältnis von Orchester und Klavier gut ausbalanciert ist. Dazu ein schöner und abwechslungsreicher Klang. Ich glaube, Martin Helmchen hat das mal aufgenommen. Nicht? Jemand aus meiner Generation? Ist es Yuja? Stimmt, das sehr Virtuose passt natürlich zu ihr, und man hört jeden Anschlag fein heraus.
Hummel: Fantasie „Oberons Zauberhorn“
Alexander Krichel, Polnische Kammerphilharmonie Sopot, Wojciech Rajski (Leitung). Sony 2014
Das habe ich doch auch gespielt. Bin ich das? Das ist natürlich Hummel. Normalerweise höre ich mir meine Aufnahmen nicht mehr an, die sind ja für das Publikum. Noch dazu habe ich das Stück vor mehr als zehn Jahren aufgenommen – man entwickelt sich ja auch künstlerisch weiter. Daher dachte ich gerade instinktiv: Ach, das klingt eigentlich ganz schön. Ein guter Klang des Orchesters, ein schöner Dialog mit dem Klavier. Ich höre mir den Hummel auf jeden Fall noch einmal an. Jetzt möchte ich wissen, wie die Aufnahme weitergeht, auch wenn es schwerfällt, sich selbst zuzuhören.
Chopin: Prélude Des-Dur op. 28/15 „Regentropfen“
Hayato Sumino. Sony 2026
Unglaublich schön. Das ist natürlich Chopin, und ich habe es mal wieder selbst gespielt … Einen Moment … Es ist kein Lied, keine Sonate, keine Mazurka … Ich gehe jetzt mal alles durch. Es ist ein Prélude, nicht? Eine sehr schöne, kontrollierte linke Hand, gleichmäßig, dennoch nie langweilig. Das hat etwas Nobles und viel leuchtende Wärme. Man hört, dass an der Aufnahme viel nachgearbeitet wurde, denn sie klingt wahnsinnig weich und deutlich abgerundet. Ohne Ecken und Kanten. Hayato Sumino spielt? Das passt natürlich zu ihm. Man hört die große Musikalität heraus, aber es ist stilistisch schon sehr auf ein breites Publikum ausgerichtet.
Balakirev: Islamey op. 18
Alexandre Kantorow. BIS 2017
„Islamey“! Energetisch ist das super. An einigen Stellen wirkt es fast wie gewischt, aber um das Maßlose geht es ja. Lange galt „Islamey“ ja auch als das schwerste Klavierstück. Ich vermute einen russischen Pianisten. Könnte es Daniil Trifonov sein? Russisch stimmt so halb? Dann ist es Alexandre Kantorow. Ich schätze ihn unheimlich. Diese Extreme – er hat immer etwas Besessenes, ganz im positiven Sinne, so eine gewisse „Witchcraft“. Fast wie verrückt – und es ist ein Kompliment, wenn das von mir kommt!
Aktuelles Album:
My Rachmaninoff
Alexander Krichel. Berlin Classics 2023


