Anton Barakhovsky, Konzertmeister des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, und Arndt Auhagen, Geiger im Concertgebouworkest Amsterdam und mittlerweile auch als Dirigent tätig, verbindet eine jahrzehntelange künstlerische Freundschaft. Im Sommerkonzert der Kammerphilharmonie Hamburg verleihen sie dieser mit einem besonderen Programm Ausdruck.
In Ihrem Konzert spüren Sie dem musikalischen Nexus zwischen Wien und der Türkei nach. Wie ist die Idee dazu entstanden?
Arndt Auhagen: Das liegt vor allem an Mozarts A-Dur-Violinkonzert. Das wird manchmal „Das Türkische“ genannt, weil Mozart im Mittelteil des letzten Satzes ganz bewusst an türkische Volksmusik angelehnte Melodien eingebaut hat: Plötzlich geht es nach Moll, und man hört Klänge, die erst später in „Die Entführung aus dem Serail“ wieder auftauchen. So wie es um die Jahrhundertwende sehr in Mode war, vieles, was mit Asien zu tun hat, in die Musik einzubauen, war es zu Mozarts Zeit das Türkische. Während der Belagerung Wiens durch das Osmanische Reich 1683 kam diese bisher unbekannte Musik so nah wie noch nie.
Herr Barakhovsky, welchen Reiz hat Mozarts Konzert für Sie als Solisten?
Anton Barakhovsky: Ich bin schon als Kind solistisch aufgetreten und war immer furchtbar nervös – es sei denn, ich habe Mozart gespielt, da war ich erstaunlich ruhig. Später hatte ich allerdings ein richtiges Tief mit diesem Konzert: Man hört es in jedem Probespiel und bekommt so die unterschiedlichsten interpretatorischen Vorstellungen mit. Mir ging es wie dem Tausendfüßler, der gefragt wird, mit welchem Fuß er eigentlich anfängt zu laufen. Drei, vier Jahre lang konnte ich dieses Konzert aus Angst, etwas falsch zu machen, nicht mehr spielen. Ein Freund riet mir schließlich, ich solle den Mozart doch einfach so spielen, wie ich die Musik empfinde. Sie ist so fein und sensibel, man hört in ihr so schön Mozarts Humor. Jetzt freue ich mich sehr darauf, mit diesem Konzert mein Debüt im Kleinen Saal der Elbphilharmonie und mit der Kammerphilharmonie Hamburg zu geben.
Mit Ayşe und Ümit Önders „Dialogs with Schlenker“ bringen Sie eine ganz aktuelle Auseinandersetzung mit türkischer und westlicher Musik zu Gehör. Was hat es damit auf sich?
Auhagen: Wir haben schon mehrfach Werke von Ümit gespielt, der seit vielen Jahren auch Geiger in der Kammerphilharmonie Hamburg ist. Er ist ein Meister darin, etwas Eingängiges zu schaffen. Sein neues, etwa 10-minütiges Stück ist zweigeteilt: In der Mitte steht ein Choral des Kirchenmusikers Manfred Schlenker, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. In der ersten Hälfte lässt Ümit den Choral anklingen und nimmt zudem Anleihen an Debussy und Gershwin; in der zweiten Hälfte, die seine Schwester Ayşe geschrieben hat, wird der Choral dann im Sinne traditioneller türkischer Harmonien und Rhythmen verfremdet. Schlenker, der 2023 gestorben ist, hat übrigens lange Jahre mit dem Schönberger Musiksommer zusammengearbeitet, wo wir auch auftreten werden.
Bruckners Streichquintett rundet den Abend. Wie viel von seiner typischen Sinfonik finden wir hier wieder?
Barakhovsky: Ich habe es zuletzt in Luzern gespielt und dachte mir in der Probe, das klingt im ersten Moment so, als ob jemand bei einer Bruckner-Aufnahme im Studio einfach die Bläser ausgeblendet hätte. Mir fehlte anfangs dieses typisch Choralhafte, aber letztlich hat sich das Werk doch als vollständig erwiesen.
Auhagen: Es ist wirklich absolut Bruckner, schon wenn man es zum ersten Mal hört oder spielt. Der langsame Satz steht seinen Pendants aus den Sinfonien in nichts nach. Auch das Scherzo ist typisch für den frühen Bruckner, darin steckt noch etwas Mendelssohn und Schubert. In den Ecksätzen denkt man zunächst an die großen Klangkathedralen, die sich ohne Bläser eigentlich nur schwer umsetzen lassen. Doch Bruckner findet geniale Lösungen, indem er diese beiden Sätze anders aufbaut. Die Herausforderung und der Reiz für uns Interpreten bestehen darin, das Ganze so klingen zu lassen, als wäre es eine große Sinfonie, auch wenn es eben nicht dem gewohnten Bild entspricht, das man von Bruckner hat. Wir spielen es übrigens in einer Fassung mit zwei Celli statt zwei Bratschen, dazu kommen noch Kontrabässe. Das ergibt einen ganz eigenen Klang.
Sie kennen sich beide schon seit Studientagen, standen unter anderem in Amsterdam gemeinsam auf der Bühne. Was zeichnet Ihre künstlerische Freundschaft aus?
Barakhovsky: Das müssten jetzt 34 Jahre sein, die wir uns kennen. Ich kam gerade aus Russland, konnte kaum Deutsch und war in einer völlig neuen Umgebung. Arndt war einer der Ersten, der Kontakt zu mir aufgenommen hat. Das verbindet natürlich. Wir sind in dieser Zeit gemeinsam gewachsen, auch musikalisch, und waren mehrere Jahre zusammen in der Violinklasse von Prof. Mark Lubotsky an der Hamburger Musikhochschule. Ich erinnere mich noch gut an Arndts Probespiele damals.
Auhagen: Ich war nicht derjenige, der gleich beim ersten Probespiel die große Stelle bekommen hat.
Barakhovsky: Du hast es aber bis ins Concertgebouworkest geschafft. Deine Geschichte erzähle ich bis heute jungen Musikern, die enttäuscht sind, wenn es nicht sofort mit der Wunschstelle klappt.

Herr Auhagen, was ist das Besondere an der Kammerphilharmonie Hamburg?
Auhagen: Dass sie aus professionellen Musikern besteht, die sich zum großen Teil seit vielen Jahren kennen. Der Kern des Orchesters kommt von der Hamburger Musikhochschule, inzwischen sind die Mitglieder aber über ganz Deutschland und darüber hinaus verstreut. Weil die Stammbesetzung schon so lange weitgehend dieselbe ist, kennen wir den Klang und die Arbeitsweise der anderen sehr genau. Daraus entsteht ein großes Vertrauen. Dazu kommt, dass wir jedes Jahr eine Woche lang intensiv zusammenarbeiten, gemeinsam leben, proben und kochen. Dieser soziale Aspekt macht die Kammerphilharmonie zu einer großen Familie. Gleichzeitig kommt immer wieder frischer Wind dazu. Neben vielen professionellen Musikern wirken auch Studierende mit, inzwischen spielt bereits die zweite Generation im Orchester. Die Tochter einer unserer ersten Geigen zum Beispiel hat auch schon als Konzertmeisterin im Bundesjugendorchester gespielt. Diese Mischung aus Vertrautheit und neuen Impulsen sorgt dafür, dass bei uns nie Routine entsteht.
Barakhovsky: Einer der wichtigsten Aspekte bei Projektorchestern wie der Kammerphilharmonie ist, dass das Musizieren absolut im Vordergrund steht. Vor wenigen Wochen habe ich in Tokio mit einem Amateurorchester gespielt. Dort saßen Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen zusammen, die fast ein halbes Jahr lang jedes zweite Wochenende geprobt hatten, um Richard Strauss’ „Ein Heldenleben“ zu erarbeiten. Wenn Menschen mit einem solchen gemeinsamen Ziel zusammenkommen, entsteht etwas Besonderes, ja, oft auch Hervorragendes.
Herr Barakhovsky, spüren Sie bei einem Debüt eigentlich noch sowas wie Aufregung?
Barakhovsky: Nervös zu sein, ist etwas ganz Natürliches. Daran ist nichts Peinliches, man muss nur lernen, gut damit umzugehen. Jede Minute, die wir öffentlich spielen dürfen – egal ob in einer Scheune oder im großen Konzertsaal – ist ein Privileg. Also: Ja, ich bin nervös, aber in dem Bewusstsein, dass es ein Luxus ist, vor Menschen spielen zu dürfen.
Sun, 16. August 2026 19:00 Uhr
Musik in Kirchen
Anton Barakhovsky, Kammerphilharmonie Hamburg, Arndt Auhagen
Mozart: Violinkonzert Nr. 3 A-Dur KV 219, Ü. Önder/A. Önder: Dialogs with Schlenker (UA), Bruckner: Streichquintett F-Dur
Mon, 17. August 2026 19:30 Uhr
Konzert
Anton Barakhovsky, Kammerphilharmonie Hamburg, Arndt Auhagen
Mozart: Violinkonzert Nr. 3 A-Dur KV 219, Ü. Önder/A. Önder: Dialogs with Schlenker, Bruckner: Streichquintett F-Dur
Tue, 18. August 2026 20:00 Uhr
Musik in Kirchen
Anton Barakhovsky, Kammerphilharmonie Hamburg, Arndt Auhagen
Schönberger Musiksommer




