Vom 1. bis 10. September 2026 geht SHALOM-MUSIK.KOELN in die vierte Runde. In Köln, dessen jüdische Geschichte mehr als siebzehn Jahrhunderte zurückreicht, setzt das Festival nicht nur ein Zeichen für Zusammenhalt, Begegnung und gegen Antisemitismus. Es möchte jüdische Musik vielmehr in ihrer ganzen Lebendigkeit erfahrbar machen. Das diesjährige Motto lautet daher: „Zuhören“. Zehn Tage lang begegnen sich Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Traditionen und Generationen – voller Vorfreude auf das Kölner Publikum, neugierig aufeinander und offen für gemeinsame Augenblicke.
Doch was macht jüdische Musik so besonders? Als klingende Geschichte spiegelt sie all das, was das Judentum über Jahrtausende geprägt hat: Spiritualität, Zuversicht, Vielfalt und Hoffnung, aber auch Migration, Verlust und Trauer. SHALOM-MUSIK.KOELN versteht sie keineswegs als museales Erbe, sondern als lebendigen Ausdruck einer bis heute fortwirkenden Kultur. Zwischen Synagogengesang, Klassik, Klezmer, Jazz und Pop erzählt sie von Diaspora und Wandel, von Erinnerung, Überleben und Selbstbestimmung. Religiös oder weltlich, melancholisch oder lebensfroh bleibt sie offen für neue Einflüsse, Interpretationen und Stimmen. Diese ganze Bandbreite möchte das Festival hör- und erlebbar machen.

Instrument des Festivals: das Schofar
Einen Schwerpunkt bildet in diesem Jahr das Schofar, ein traditionelles jüdisches Blasinstrument, das aus dem Horn eines koscheren Tieres gefertigt und bereits seit dem Altertum im liturgischen Kontext verwendet wird. Zu den wichtigsten Feiertagen, an denen das Schofar erklingt, gehört Rosch ha-Schana, das jüdische Neujahrsfest, das kurz nach dem Festival begangen wird. Der in Berlin lebende Musiker Bar Zemach, Solohornist im West-Eastern Divan Orchestra, denkt das Instrument neu und erobert mit ihm die Konzertbühne. Als einer der Ersten spielt er das Schofar virtuos, melodisch und chromatisch als Soloinstrument.
Als Artist in Residence gestaltet Zemach bei SHALOM-MUSIK.KOELN mehrere Konzerte mit dem Schofar. Beim Eröffnungsabend in der Flora (1.9.) spannt er gemeinsam mit dem jiddischen Chanson-Ensemble Sharon Brauner & The Toy Goys und dem Kammerchor des Kölner Männer-Gesang-Vereins einen weiten Bogen von jüdischer Unterhaltungsmusik bis zu Chorwerken nach Texten der jüdischen Kölner Lyrikerin Hilde Domin. Die zeitgenössischen Kompositionen von Shay Cohen gelangen an diesem Abend zur Uraufführung. Mit ihrer mitreißenden Unterhaltungskunst führt Sharon Brauner durch das facettenreiche Programm.
Jüdische Musik mit der Familie kennenlernen
Ein Familienkonzert gestaltet Bar Zemach zudem in der stimmungsvollen Spielstätte Ventana (5.9.). Gemeinsam mit dem Jewish Chamber Orchestra Hamburg unter der Leitung seines ideenreichen jungen Dirigenten Emanuel Meshvinski lädt er zum Zuhören, Mitmachen und Staunen ein – und dazu, dieses außergewöhnliche Instrument aus nächster Nähe zu entdecken. Am Abend sind die Musiker am selben Ort und in gleicher Besetzung gemeinsam mit dem Pianisten Jascha Nemtsov zu erleben. Der US-amerikanische Komponist Gerald Cohen hat eigens für diese Formation ein neues Konzert geschrieben, das dort uraufgeführt wird. Die künstlerische Aufgabe, der er sich darin stellt: Musik unterschiedlicher Zeiten und Stile als Ausdruck von Mut, Resilienz und Aufbruch neu miteinander in Beziehung zu setzen.

Wer von der reizvollen Balance aus Melancholie und Lebenswitz nicht genug bekommen kann, sollte das Konzert von Sharon Brauner & The Toy Goys im Rathaus Porz nicht verpassen (2.9.). Mit jiddischen Evergreens, gefühlvollen Balladen und jazzigen Bearbeitungen führt Brauner musikalisch durch ihre bewegte Biografie. Bereits mit drei Jahren stand sie vor der Kamera und sammelte früh Erfahrungen als Schauspielerin und Sängerin. Nach der Musicalschule und ungewöhnlichen Jobs in der Berliner Clubszene führte ihr Weg ans Lee Strasberg Institute nach New York. Zurück in Berlin, spielte sie in mehr als 50 Film- und Fernsehproduktionen – stets wandlungsfähig zwischen großen Gefühlen, schrägen Figuren und gesellschaftlichen Außenseitern.
Schabbat feiern, Grenzen sprengen
Zu den vielseitigsten klassischen Musikern unserer Zeit gehört der in Be’er Scheva geborene Mandolinist Avi Avital. Die Grenzen der Genres, die er mit seinem ohnehin außergewöhnlichen Instrument immer wieder überschreitet, lotet er bei einer Begegnung mit dem Jazzpianisten Omer Klein aufs Neue aus (3.9.). Neben Bearbeitungen von Werken Johann Sebastian Bachs erklingen Arrangements israelischer Lieder. An den Erfolg des vergangenen Jahres anknüpfend, lädt Rabbi Jonathan Kligler aus Woodstock beim Mottotag „Open Shabbat“ Neugierige in die Antoniterkirche zum gemeinsamen Singen ein (4.9.). Später am Abend erinnert er gemeinsam mit den Musikern Reggie Harris und Robert Bard an ein häufig unterschätztes Kapitel der US-amerikanischen Geschichte: den gemeinsamen Kampf jüdischer und afroamerikanischer Bürgerrechtsaktivisten, die Seite an Seite für Freiheit und Gleichberechtigung eintraten.
Eine Besonderheit von SHALOM-MUSIK.KOELN ist der „Lange Tag mit jüdischer Musik“ (6.9.). An 15 Orten in der Kölner Innenstadt gestalten zahlreiche Musikerinnen und Musiker mehr als 50 Kurzkonzerte. Das stilistische Spektrum reicht dabei vom Mittelalter bis zur Klassik, von Klezmer und Folk bis zu Jazz und Avantgarde. Nicht weniger bedeutend ist die Partnerschaft mit dem renommierten Kulturfestival Yiddish Summer Weimar, das erstmals in Köln gastiert (7.9.). Im Museum für Angewandte Kunst verbinden die beteiligten Künstlerinnen und Künstler unter anderem Musik, Erzählung und Film zu einem außergewöhnlichen Gesamterlebnis.

In Kölns Geschichte eintauchen
Einer der bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts war zweifellos der in Köln geborene Jacques Offenbach. Sein Vater wirkte als Kantor einer jüdischen Gemeinde, während Offenbach selbst sein Glück in der Musikmetropole Paris suchte. Mit Witz und feinem Gespür für Zwischentöne erzählt die Kabarettistin Tina Teubner die Geschichte eines Mannes, der mit viel Eigenironie immer wieder zwischen die Mühlräder der politischen Spannungen seiner Zeit geriet (8.9.).
Klassisch wird es schließlich auch beim Abschlusskonzert (10.9.). Dame Emma Kirkby, eine der bedeutendsten Stimmen der Alten Musik, interpretiert gemeinsam mit Stipendiatinnen und Stipendiaten der Chorakademie des WDR Rundfunkchores und dem Ensemble Ārt House 17 unter der Leitung von Michael Hell Vertonungen der Psalmen Davids von Heinrich Schütz und Salomone Rossi. In dieser Gegenüberstellung wird sinnlich erfahrbar, wie unterschiedlich die beiden Komponisten mit denselben Texten umgehen. Zugleich entsteht ein intensiver Dialog zwischen jüdischer und christlicher Musik. Denn das Gemeinsame im Trennenden zu entdecken, gehört zu den zentralen Anliegen von SHALOM-MUSIK.KOELN.

