Festival weit! neue musik weingarten 2021

Japan in Oberschwaben

Die zeitgenössische Musik ist zurück in Weingarten. Nach sechsjähriger Pause wird das Komponistenporträt unter dem neuen Namen „weit! neue musik weingarten“ mit Toshio Hosokawa fortgesetzt – offener und ambitionierter als je zuvor.

© KazIshikawa

Toshio Hosokawa

Toshio Hosokawa

Drei Tage, ein Komponist und schonungslose Offenheit. Die „Internationalen Weingartener Tage für Neue Musik“ präsentierten einen Querschnitt des gesamten Schaffens jeweils eines Komponisten. Seit 1986 haben sich etliche dieser Werkkonzentration gestellt, etwa John Cage, Karlheinz Stockhausen, Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, Mauricio Kagel, György Kurtág oder Sofia Gubaidulina. Ohne die treibende Kraft von Rita Jans wäre das alles nicht möglich gewesen. Mit ihrer Beharrlichkeit, Fachkompetenz und Begeisterung hat die Pianistin ein einmaliges Festival geschaffen, dessen Zukunft nach ihrem Tod 2017 ungewiss war.

„weit! neue musik weingarten“: Das Komponistenporträt ist zurück

Jetzt ist das Komponistenporträt zurück. In alter Besetzung, aber unter neuem Namen und neuer Regie wird die Reihe mit Japans bekanntestem lebenden Komponisten Toshio Hosokawa fortgesetzt. „weit! neue musik weingarten“ heißt das Nachfolgefestival, dessen künstlerische Leitung Rolf W. Stoll übernommen hat. Der Musikwissenschaftler und Publizist hat sich leidenschaftlich und beharrlich für eine Fortsetzung eingesetzt. „Ein dreitägiges Komponistenporträt fehlte damals in der Landschaft der zeitgenössischen Musikfestivals. So wurde eine Tradition in Weingarten geschaffen, die man einfach nicht aufgeben durfte, denn soweit ich sehe, gibt es neben den Donaueschinger Musiktagen und dem Eclat Festival Neue Musik Stuttgart im Südwesten kein Festival mit einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik. Und bis heute gibt es kein Porträtfestival wie das Weingartener Festival“, erklärt er seine Motivation. „Die neue Ausrichtung – im Zentrum steht die Kontextualisierung der Werke, die erklingen – wird auch von diesen beiden genannten Festivals so nicht betrieben. Bei uns ist der Name also Programm: weit!“

© Shuho Hananofu

Shuho Hananofu

Shuho Hananofu

Ursprünglich stand die Musik im Mittelpunkt der „Weingartener Tage“. Stoll möchte das Festival öffnen und die Begegnung sowie Vermittlung fördern. Deswegen spielen in diesem Jahr auch die traditionellen japanischen Künste eine große Rolle. „Ich kenne Toshio Hosokawa seit vielen Jahren. Mit dem Label Wergo habe ich einige seiner wichtigsten Werke aufgenommen“, erzählt der Musikproduzent und langjährige Geschäftsführer des Labels. „Ich schätze Hosokawas Musik außerordentlich, weil sie uns vor allem durch ihre west-östliche Orientierung neue Perspektiven auf uns selbst und die Welt eröffnet.“

Vorfreude und Anspannung

Neben der großen Vorfreude schwingt im treuen Team zudem eine gewisse Anspannung mit. Der Musiklehrer Daniel Schreiner kennt das Festival so gut wie kein anderer und ist auch jetzt mit seiner Erfahrung unverzichtbar. „Es war immer der Wunsch der Initiatorin Rita Jans, die Ausrichtung breiter zu dimensionieren. Der unverwechselbare Markenkern sollte erhalten bleiben, aber sie wollte visionär über den Tellerrand blicken und hatte viele Ideen. Das ist uns jetzt gelungen, indem wir eine vielversprechende Bandbreite abdecken.“ Neu ist die Vernetzung zu anderen Kunstsparten wie Ikebana, Kalligrafie und der traditionellen japanischen Hofmusik Gagaku. Oder die Ausrichtung auf ein breiteres Publikum, wenn Werke von Hosokawa mit Bach und Haydn verknüpft werden.

© Alexandre Delmar

Arditti Quartet

Arditti Quartet

Fünf Konzerte stehen auf dem Programm, in denen Hosokawas Musik in immer neue Kontexte gestellt wird. Als Interpreten wurden mit dem Arditti Quartett, dem Ensemble Musikfabrik sowie Münchener Kammerorchester, der Shôspielerin Mayumi Miyata und dem Trompeter Jeroen Berwaerts wieder nur die Besten ausgewählt. Studierende der Pädagogischen Hochschule Weingarten haben darüber hinaus Klanginstallationen entwickelt, die als alternative Werkeinführungen zur Musik Hosokawas gedacht sind und die während des gesamten Festivalwochenendes zu entdecken sind.

© Mayumi Miyata

Die Shôspielerin Mayumi Miyata

Die Shôspielerin Mayumi Miyata

Dass die Neue Musik nicht nur emotional berühre, sondern verstärkter Erläuterungen und Diskussionen bedürfe, wurde in Weingarten früh erkannt, bemerkt Daniel Schreiner. „Dieser Vermittlungsaspekt wird weiterhin ein Schwerpunkt sein, nun aber breiter angelegt, im Sinne einer differenzierten Vernetzung.“ Trotz Corona-Einschränkungen und knappem Budget ist die zeitgenössische Musik nach Weingarten zurückgekehrt. „Ich bin gespannt, ob das neue Konzept überzeugt und wir erfolgreich an die Weingartener Festivaltradition anknüpfen können“, wünscht sich Rolf W. Stoll, der sein ganzes Engagement auf dieses letzte Novemberwochenende ausgerichtet hat – und dafür hoffentlich auch vom Publikum belohnt wird.

concerti-Tipp:

weit! neue musik weingarten
26.–28.11.2021
Ensemble Musikfabrik, Münchener Kammerorchester, Arditti Quartet, Mayumi Miyata, Jeroen Berwaerts u. a.
Weingarten

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